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»Ross Macdonald schreibt Krimis, die gleichzeitig ernsthafte, tiefgehende, bedeutende Literatur sind.«

Ein Nachwort von Donna Leon

Foto: Archiv Diogenes Verlag

Wer einen guten Kriminalroman schreiben möchte, sollte als Erstes Ross Macdonalds Der Untergrundmann lesen. Auch wer einen guten Roman schreiben möchte, sollte Ross Macdonalds Der Untergrundmann lesen. Ja, überhaupt jeder, der schreiben möchte, und nicht zuletzt jeder, der einen intelligenten, wunderbar geschriebenen Kriminalroman als Lektüre sucht, oder einen intelligenten, wunderbar geschriebenen Roman. Ross Macdonald schreibt Krimis, die gleichzeitig ernsthafte, tiefgehende, bedeutende Literatur sind. Er ist einer der großen amerikanischen Schriftsteller des zwanzigsten Jahrhunderts.

Von Anfang an hat Ross Macdonald den Leser an der Angel, weckt seine Anteilnahme und seine Neugier, indem er ihm die Figuren anschaulich vor Augen führt. Lew Archer, der ruhige, empfindsame Held der Detektivromane von Ross Macdonald, geht eines schönen Morgens vor die Tür seines Apartments, um Buschhäher, die in den Bäumen im Innenhof ihre Nester haben, mit Erdnüssen zu füttern. Dabei wird er von einem kleinen Jungen beobachtet, der vorsichtig immer näher kommt und sich schließlich sogar traut, den freundlichen Mann zu fragen, ob er auch ihm ein paar Erdnüsse zuwerfen würde, damit er sie, wie ein Vogel, mit dem Mund auffangen kann.
Der Frieden in der Natur und zwischen ihnen beiden wird jäh gestört, als ein junger Mann, Stanley Broadhurst, auftaucht, der schon von ferne zum Angriff übergeht und die Herausgabe seines Sohnes Ronny verlangt.
Als Ronnys Mutter Jean dazukommt, wird ihr von ihrem Ehemann, der sie sitzengelassen hat, augenblicklich eine Affäre mit Archer unterstellt, obwohl sie diesen nie zuvor gesehen hat.
»Ich kenne nicht einmal den Namen dieses Herrn«, stellt sie empört klar.
»Das wäre für dich kein Hindernis!«, erwidert ihr Mann abfällig.
Und schon ist da das klassische Dreieck (oder auch Viereck, wenn man das Kind hinzunimmt, das in den Schlamassel der Erwachsenen hineingezogen wird): die schuldlose Frau, der eifersüchtige Ehemann und der Außenstehende, der zwischen die Fronten gerät. Es ist kein Zufall, dass diese Szene gleich am Anfang des Buches steht, denn die vergifteten Beziehungen zwischen Eheleuten sowie deren zerstörerische Folgen sind ein Hauptthema des Romans.
Auch der Frieden in der Natur ist dahin: Ein Waldbrand tobt in den Bergen oberhalb von Santa Teresa, das Ross Macdonald zum Schauplatz für die Handlung seiner Romane macht. Häuser, Menschenleben und die Spuren frischer und vergangener Verbrechen sind den gierigen Flammen ausgesetzt, und dann, als eine perfekte Metapher für die verheerende Nachwirkung der Verbrechen in diesem Roman, drohen ein starker Regen und sintflutartige Schlammlawinen alles, was die Flammen übriggelassen haben, zu verwüsten.
Stanley ist versessen darauf, seinen verschwundenen Vater zu finden, der vor fünfzehn Jahren mit der Frau eines anderen durchgebrannt sein soll. Obwohl jener eine Schiffspassage nach San Francisco für sich und seine Geliebte gebucht hatte, war Leo Broadhurst nicht zur verabredeten Zeit erschienen, hatte die Reise nicht angetreten und wurde seither nicht wieder gesehen. Weil Stanley neue Informationen über den Verbleib seines Vaters erhalten hat, fährt er mit seinem Sohn in die Berge, und ihre Spur verliert sich genau dort, wo der Waldbrand ausgebrochen ist.
Archer erklärt sich bereit, nach Stanley und Ronny, der zweiten und dritten Generation der männlichen Broadhursts, zu suchen. Sehr schnell findet er heraus, dass Stanley ermordet wurde und sein Sohn offenbar entführt worden ist.
Die halbwüchsigen Entführer wiederum, ein junger Mann und eine junge Frau, erweisen sich ihrerseits als Leidtragende vergifteter Ehen. Der junge Mann ist der Sohn von Leo Broadhursts Geliebter, die unterdessen wenig Erfolg hat als Künstlerin, aber erfolgreich zur Einsiedlerin geworden ist. Das junge Mädchen, seine Komplizin, ist die Tochter einer Frau, die in ihrer bewegten Jugend ebenfalls Leo Broadhurst kannte.

Auf welchen Bahnen all diese Menschen um Broadhursts Verschwinden, den Ursprung aller Ereignisse, kreisen, wird erst ganz allmählich aufgezeigt. Ja selbst die Nebenfiguren, die zunächst nur am Rande auftauchen – eine ehemalige Haushälterin, ihr labiler Sohn, ein entflohener Strafgefangener und seine Klassenkameraden –, sind im selben Kraftfeld gefangen: Niemand kann sich dem Sog des ersten, fünfzehn Jahre zurückliegenden Verbrechens entziehen, das alles Weitere ausgelöst hat und das Archer schließlich aufdeckt.
Dabei fragt sich Archer wiederholt selbst, warum er sich überhaupt auf die Suche eingelassen hat, und entdeckt an sich eine Mischung aus professioneller Neugier, Sorge um den Jungen und ein Gefühl für Jean – der Ehefrau des vermissten Stanley –, das weit über die übliche Anteilnahme hinausgeht.
Doch nicht nur Jean gilt seine Sympathie. Er begegnet allen Frauen mit einer Offenheit und Achtung, die sie alsbald erwidern. Und auch der Leser merkt, dass Archers Interesse echt ist, er alle Frauen als Persönlichkeiten sieht und nicht als Objekt. Als eine Romanfigur erklärt: »Ich bin von Elizabeth enttäuscht. Ich hätte ihr mehr Einsicht zugetraut. Und mehr Dankbarkeit. Aber so sind die Frauen «, bewertet Archer das als Versuch einer Verbrüderung »auf antifeministischer Grundlage«. Dies in einem Roman von 1971!
Archer ist instinktiv um die Sicherheit und das Wohlergehen der Frauen besorgt, unabhängig von ihrem Alter und davon, ob sie für ihn zu haben sind. Er begegnet in diesem Roman Frauen aus drei Generationen. Stets trifft er ihnen gegenüber den richtigen Ton, und so gewinnt er ihre Achtung, ja sie vertrauen ihm ihre Geheimnisse an. Nicht zuletzt dadurch hebt sich Archer von den Roman- Detektiven seiner Zeit ab, die fast ausnahmslos für Frauen lediglich ein sexuelles Interesse zeigen.
Macdonald besitzt die Gabe, seine Figuren durch eine einzige Bemerkung zu kennzeichnen – beziehungsweise zu entlarven. Dem sehr viel jüngeren Ehemann einer älteren Frau entfährt auf die Mitteilung hin, ihr gemeinsames Haus sei »gerade bis aufs Fundament abgebrannt«, nur: »Mit all meinen Kleidern?« Und der Mörder, den die Polizei abführen will, sorgt sich: »Sie stellen mich vor meinen Nachbarn bloß.«
Ross Macdonalds Sprache ist vorbildlich präzise: Die Augen einer Person nennt er »trübe wie beschlagene Fensterscheiben«, die ältere Generation, heißt es, sei »mit einer Art moralischem DDT verseucht, das das Leben ihrer Nachkommen vergiftet«, und eine Figur hat den »verschlagenen Blick eines Schlaubergers, der die Grenzen seiner Intelligenz nie richtig einzuschätzen gelernt hat«.

Die Originalausgabe erschien unter dem Titel ›The Underground Man‹ 1971 bei Alfred A. Knopf, New York (links im Bild).

Archer, der sich tiefschürfende Gedanken über das Leben und die Natur des Menschen gemacht hat, ist klug genug, die gewonnenen Erkenntnisse in erster Linie auf sich selbst anzuwenden, so äußert er zum Beispiel: »Mein glühendes Verlangen nach Gerechtigkeit kühlte ab, je älter ich wurde. Mein Anspruch war bescheidener geworden, ich wollte helfen, die Dinge des Lebens zu erhalten, die es wert sind, zu bestehen.« Gefragt, wie er weiter vorgehen wolle, antwortet er knapp: »Warten – und Fragen stellen.«
Und als er die quälende Angst erlebt, die ein Vater um seine Tochter auszustehen hat, merkt er dazu an: »Ich hatte selbst keine Kinder, hatte es mir aber schon lange abgewöhnt, andere Leute darum zu beneiden.«
Archer unterscheidet sich durch seine Lebensklugheit ebenso von den vorkommenden Eltern wie von den Söhnen und Töchtern, die allesamt nicht in der Lage sind, Verständnis oder auch nur Mitgefühl füreinander aufzubringen. So ist Archer denn die meiste Zeit in diesem Fall damit beschäftigt, vermisste Kinder zu suchen: Leos Sohn Stanley, dessen eigenen Sohn Ronny und die beiden Jugendlichen, die Ronny entführt haben. Die lieblosen Verhältnisse, denen sie entstammen, sind wie ein Fluch und hindern sie daran, ein normales oder gar glückliches Leben zu führen. Archer aber, der eigentlich nur den Auftrag hatte, Ronny zu finden, würde sie am liebsten alle retten.
Seine Bemühungen erstrecken sich über zwei ereignisreiche Tage, die fast unmerklich ineinander übergehen. Dabei sind die Wendungen, die die Ereignisse nehmen, beinahe ebenso unvorhersehbar wie das Feuer, das als ständige Bedrohung präsent bleibt. Das Leben, in dem viele der dargestellten Figuren sich eingerichtet haben, zerfällt ihnen unter den Händen, je mehr von der Vergangenheit zutage kommt. Der Täter sieht nur eine Möglichkeit, jenes Verbrechen, das alle übrigen Ereignisse auslöst, zu vertuschen: jeden umzubringen, der es aufzudecken droht. Und als Archer ihm am Ende auf die Spur kommt, ist kein heißes Verlangen nach Vergeltung zu spüren. Stattdessen führt er den Täter in ein anderes Zimmer, damit der einzige Mensch, den er liebt, die schreckliche Wahrheit nicht mit anhören muss.
So mancher Leser wird sich nach der Lektüre, selbst wenn er den Mörder vergessen haben sollte, noch lange an Archers innere Haltung erinnern. In einer Betrachtung über jenen Tod, der die anderen Morde ausgelöst hat, sagt der Detektiv: »Natürlich war Leo Broadhursts Leben – wie das jedes Menschen – ein erhaltenswertes Gut, aber er war vor langer Zeit getötet worden, und im Zorn.« Krimis wägen selten in solchen Dimensionen ab. Literarische Werke hingegen schon.

Aus dem Amerikanischen von Karsten Singelmann.

 

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Der Untergrundmann von Ross Macdonald erschien am 28.10.2015 in neuer Übersetzung von Karsten Singelmann.