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Auf nach Tripiti! Eine Lektorin auf den Spuren des Kinderbuchautors H.U. Steger

Von Kati Hertzsch

Das Kinderbuchprogramm im Diogenes Verlag hat eine lange Tradition. Heute gibt es Miffy, Pinguin Blau und Herrn Sauermann, doch vor ihnen waren bereits ein paar andere Räuber und wilde Kerle da: Verlagsgründer Daniel Keel und nach ihm sein Sohn und Verleger Philipp Keel pflegten und pflegen jahrzehntelange Freundschaften mit einigen der größten Zeichner und Illustratoren der Zeit: Die Bücher von Maurice Sendak und Tomi Ungerer, aber auch von Tatjana Hauptmann und Luis Murschetz, F.K. Waechter und Philippe Fix gehören zu den Klassikern, mit denen Kinder auch heute noch die Welt der Bücher kennenlernen.

Auch der Schweizer Autor und Illustrator H.U. Steger ist einer von denen, die seit langem ein Zuhause in unserem Programm haben. Als ich 2010 begann, mich bei Diogenes um das Kinderbuch zu kümmern, war Steger für mich ein Unbekannter, die Titel seiner beiden Bücher, Reise nach Tripiti und Wenn Kubaki kommt, klangen fremd und ungewöhnlich. Dabei war der Grafiker zu seiner Zeit eine Institution in der Schweiz.

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Jahrgang 1923, besuchte Steger die Zürcher Kunstgewerbeschule (die sein Vater Adolf Steger als Architekt erbaut hatte), und war dann selbst zwanzig Jahre als Lehrer dort tätig. Viel bekannter war er jedoch als Karikaturist des Zeitgeschehens, seine Karikaturen erschienen in allen großen Schweizer Tageszeitungen und in der bekannten Satirezeitschrift Nebelspalter; 1800 Stück hat er dem Archiv für Zeitgeschichte der ETH Zürich übergeben, bevor er im Juni 2016 verstarb.

Foto: © Martin Müller

Ich habe H.U. Steger nie persönlich kennenlernen dürfen, nur einmal kam ein Brief aus Maschwanden, darin ein handgeschriebenes Blatt mit der Bitte, man möge doch bei einem Nachdruck der Reise nach Tripiti auf dem Cover wieder zum originalen Blauton zurückkehren, beigelegt war ein Schnipselchen Papier, das im fraglichen Dunkelblau bestrichen war.

Nachdem meine Familie und ich im letzten Jahr drei Wochen lang ertrugen, was an der Ostseeküste so als Sommer durchgeht (Regen, mehr Regen, weniger Regen, wieder Regen), hatten wir für dieses Jahr nur einen Wunsch: Jeden Urlaubsmorgen aufwachen und einen strahlend blauen Himmel sehen. Entspannt und abgelegen sollte es sein, der Geheimtipp einer Freundin hieß: Griechenland, genauer, eine winzige Insel namens Donoussa. Wir haben ohne Zögern gebucht, und erst ein paar Wochen vor der Abreise fragte ich das Internet, wo dieses Donoussa denn sei und was es dort so gäbe, und siehe da: Ich hatte Tripiti entdeckt! Mein Kinderbuchlektorinnenherz hüpfte: Ich würde die Reise nach Tripiti machen!

Foto: © Kati Hertzsch

Reise nach Tripiti ist H.U. Stegers erstes Kinderbuch gewesen, es erschien 1967 und liegt inzwischen in der 11. Auflage vor. Darin tut sich der abgeliebte Teddybär Theodor, dem ein Ohr und ein Auge fehlen und der deswegen auf die Müllkippe gewandert war, mit anderen, ebenfalls hier und da lädierten Spielzeugen zusammen, um an einen Ort zu gehen, der Theodor im Traum erschienen war: »In der Nacht träumt er von einem Fischerdorf mit einem weißen Turm. Es heißt Tripiti. Dort wohnen viele Kinder, und alle wollen mit Theodor spielen.«

Die Reise nach Tripiti und auch das zweite, 1976 erschienene Kinderbuch Wenn Kubaki kommt sind von Stegers Reisen auf den Balkan inspiriert, die er in den 1950er und 60er Jahren unternahm. Und so führt der Weg Theodor und seine Reisegruppe – Kaspar, das dreirädrige Pferdchen, Flora, die Kuh ohne Glöckchen, und Resi, das Püppchen ohne Körbchen – auch über Slowenien, Ungarn, Kroatien, Serbien und Mazedonien nach Griechenland, und zwar zunächst zu Fuß, später mit Hilfe eines Aufziehtraktors (dem der Schlüssel fehlt) und eines Holzbrettchens (dem darauf befestigten Specht war der Draht gerissen). »Die Gegend wird immer fremder. Zwischen kleinen niedrigen Häusern stehen hohe weiße Türme, die wie riesengroße Bleistifte aussehen. Die Bauern reiten auf Eseln und haben weiße oder rote Käppchen auf dem Kopf.«

Wir stiegen ganz unromantisch in Berlin ins Flugzeug, dass uns nach Athen bringen sollte.

Foto: © Kati Hertzsch

Und während Theodor und seine inzwischen um eine Matroschka angewachsene Crew sich ihr eigenes Floß bauen, schifften wir uns auf einem riesigen, achtstöckigen Blechkahn ein, der Fähre, die alle drei Tage von Piräus zu den Kykladen durchs Mittelmeer stampft. Unterwegs haben wir uns noch einmal in die Geschichte von Theodor vertieft, damit wir gerüstet wären: Nach der kurzen Floßfahrt, während der das vermisste vierte Kind der Matroschka gefunden und ein kleiner Schleppdampfer ohne Steuer aus Seenot gerettet wird, kehren Theodor und seine Freunde auf die Straße zurück. Ihre Reisegruppe wird immer größer, als sie zwei hölzerne Tanzpärchen treffen, Ali den Turner und schließlich auch noch drei Instrumente mitnehmen. Endlich erreichen sie Mikropolis, wo die besten Handwerker der Welt wohnen und wo alle Plüschtiere, Holzspielzeuge, Schiffe, Traktoren und Instrumente wieder heile werden.

Foto: © Kati Hertzsch

»Früh am nächsten Morgen fährt das Schiff. Schon von weitem sehen sie den weißen Turm, dann das Dorf und bald auch die einzelnen Häuser. Alle Kinder rennen zum Strand, weil sie das Schiff kommen sehen. Ob es hier hält? Ob wohl jemand aussteigt? Vielleicht bringt es sogar ein Paket mit! Aber keines weiß, welche Überraschung das Schiff wirklich für sie bereithält.«

Bei uns ist es mittlerweile mitten in der Nacht, und eine unwirkliche Blechstimme greint, dass der nächste Hafen Donoussa sei. Ein bisschen verdreht von der langen Fahrt, auf der uns der Wind ordentlich durchgepustet und das Salz in der Luft uns die Haare verklebt hat, sammeln wir im Halbschlaf unser Gepäck zusammen, und die Fähre spuckt uns mit lautem Getöse, Flutlicht und Trillerpfeifen an Land. Keine Kinder, die uns erwarten, und auch kein weißer Turm, aber Loukas, unser Wirt, fährt uns in einem knallroten Fiat Uno flink die gewundene Straße hinauf, und als auf der Insel wieder Ruhe eingekehrt ist, sinken wir bei Wellenrauschen in den Schlaf.

Foto: © Kati Hertzsch

Am nächsten Morgen können wir es kaum erwarten, die Insel zu erkunden. Es ist so heiß, dass es auf der Haut kribbelt, und das Licht fast unwirklich hell. Alles ist still, nur der Wind bewegt Blätter und strahlend weiße Wäsche, und zu unseren Füßen rauscht das dunkelblaue Meer immer wieder an den Strand heran. Neugierig fragen wir Loukas, wie wir denn nun nach Tripiti kommen, halten das Buch hoch und erzählen die Geschichte. Seine Auskunft dämpft unseren Enthusiasmus allerdings ein bisschen, denn »Trypiti« beschreibt im Griechischen schlicht alles, was ein Loch hat. Käse zum Beispiel. Oder eben Felsen, aus denen Wind und Wasser ein Loch herausgespült haben. Und so gibt es denn auch einige Orte dieses Namens in Griechenland. Der berühmteste ist wohl die Panagia Trypiti, eine orthodoxe Wallfahrtskirche bei Egio auf der Peloponnes. Aber auch auf den ägäischen Inseln Milos und Thassos gibt es diese »Löcher« zu bewundern.

Foto: © Kati Hertzsch

Ein paar Tage später nahmen wir dann doch den Inselbus, um uns Tripiti wenigstens anzuschauen, wenn wir schon mal da waren. Wir begegneten keinem anderen Fahrzeug und genossen spektakuläre Ausblicke aufs Meer und die Steilküste, als wir uns im hügeligen Gelände immer weiter nach oben schraubten. Einmal hielten wir erschreckt die Luft an, als der Fahrer bedrohlich nah am Abhang ein kompliziertes Wendemanöver ausführte, um den Bus um eine spitze Kurve zu bringen. Das gelangweilte Gesicht einer Ziege beruhigte uns jedoch, und nach kaum fünfzehn Minuten waren wir in Kalotaritissa, neben Stavros und Mersini eine der drei Ansiedlungen auf Donoussa.

Der Tag war windstill, es war Mittagszeit, und die paar Schritte bis zur einzigen Taverne des Ortes waren alles, was wir schafften. Von dort besahen wir uns die restlichen fünf Häuser und ließen uns den Strand zeigen, der Tripiti war. Als nach zwei Stunden der Bus wiederkam, stiegen wir ein und ließen uns nach Kedros bringen, wo wir erschöpft Mittagsschlaf hielten. Das nächste Mal versuchten wir es am Abend und wurden mit einem sanften rosa Sonnenuntergang und einem einsamen Tripiti-Strand belohnt.

Foto: © Kati Hertzsch

H.U. Stegers Tripiti befindet sich übrigens in Ouranoupolis, zu Deutsch »Himmelsstadt«, auf der Halbinsel Chalkidiki – 900 Kilometer weiter nördlich in Zentralmakedonien, gleich neben dem Berg Athos, wo sich die beeindruckende Autonome Mönchsrepublik mit ihren über zwanzig Klöstern befindet. Gegründet hat die Himmelsstadt um 316 v. Christus Alexarchos, der sich für den Sonnengott Helios hielt und für die Bewohner einen eigenen Dialekt bestimmte. Der Turm, den Theodor und seine Freunde vom Schiff aus sehen, gehört zu einer Wehranlage, die während der Kreuzzüge gebaut wurde und das Kloster schützen sollte.

Seit 2011 erstrahlt die Reise nach Tripiti auf dem Cover nun wieder in kräftigem Blau, so, wie H.U. Steger es sich gewünscht hat und so, wie das Meer vor Tripiti leuchtet.

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