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Die Freundschaft zwischen Jörg Fauser und Carl Weissner in Briefen von 1971-87

Ein neuer Band aus der großen Fauser-Edition

Der neue Band der Fauser-Edition Eine Freundschaft enthält Briefe von Jörg Fauser und Carl Weissner zwischen 1971-87. Darin zu spüren ist stets die große Zuneigung füreinander, während die Themen um oft prekäre finanzielle Situationen, um Urlaube und durchzechte Nächte und um den großen Frust über das Konstrukt ›Literaturbetrieb‹ kreisen. Herausgegeben und mit einem Gespräch eingeleitet wurde der Briefwechsel von Matthias Penzel und Stephan Porombka. Jetzt auf dem Diogenes Blog: Auszüge aus dem Gespräch und zwei Originalbriefe.

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Foto links aus dem Nachlass: Fauser Archiv Foto rechts: © Christian Thiel / imago images

Auszug aus dem Gespräch zum Briefwechsel von Matthias Penzel und Stephan Porombka

Zwei Autoren in the making

»Lass uns dran denken, was man sich unter einem großen Briefwechsel zwischen zwei Autoren eigentlich so vorstellen könnte. Du fängst an.

Erwarten könnte man so was wie ein schriftliches Werkstattgespräch, wo sich die beiden intensiv über den Fortlauf ihrer Arbeit verständigen. Wo man erfährt, wie einzelne Texte entstehen.

Ja, es könnten sich auch private Welten öffnen, die sonst verschlossen bleiben. Familiäres. Intimes. Geständnisse, Bekenntnisse, geöffnetes Herz und so.

Oder so was: Zwei schreiben sich und leuchten dabei die Welt aus, in der sie leben und schreiben. Und dann sieht man durch die Briefe die Gegenwart aufscheinen: die Literatur, die Gesellschaft, die Leute, die Kultur, die politischen Entwicklungen.

Aber im Briefwechsel von Fauser und Weissner findet man ja all so was eher nicht, oder?

Eingeschränkt. Sie schicken sich schon ein paar Sachen. Bücher, Tonbänder, auch Manuskripte, die im Nachlass als Beilage vorliegen1 oder deren Existenz sich eher so als Mosaik aus Antwortbriefen zusammenpuzzeln lässt, sofern sie nicht vorliegen.

Detailarbeit an Texten: findet eigentlich nicht statt. Privates: komplette Fehlanzeige. Die politischen Entwicklungen: tauchen so gut wie gar nicht auf. Die Umgebung des Literaturbetriebs: in fragmentarischen Hinweisen, alles eigentlich nur in Stücken und Fetzen. Die großen Stories, die pointierten Anekdoten, die zeitgeistigen Reflexionen, die großen Schlaglichter, die sichtbar machen könnten, was hinter der Bühne passiert – das bleibt alles aus.

Man muss die Briefe anders lesen, um mitzukriegen, was Fauser und eissner hier über Jahre hinweg entwickeln. So eng. So freundschaftlich. Zum Teil so sehr in Not. Und über die ganze Zeit hinweg dann doch mit so wahnsinniger Energie in der Auseinandersetzung mit dem Literaturbetrieb. Die beiden machen ihr Ding.

Da sollte aber bitte jeder Buchstabe großgeschrieben sein:
Die beiden machen IHR DING!« (Seiten 7 bis 9)

Brief vom 4. Juni 1973

»Eigentlich ist der ganze Briefwechsel von diesem Glück bestimmt.«

(Seite 13)

Postkarte vom 31. Dezember 1983

»Ja. Er legt’s drauf an, dem Leben ausgesetzt zu sein, Grenzen
zu testen, Abenteuer durchzumachen. Davon will er berichten. So wie er es bei Dostojewski und Dickens, Shakespeare und Kerouac gelesen und geliebt hat.

Die harte Nummer, die existentielle Nummer also. Das passt natürlich gar nicht in eine literarische Öffentlichkeit, in der die braven, abgedimmten Autoren und ihre wohltemperierten kritischen Stimmen bevorzugt werden. Und es passt auch gar nicht in eine Zeit, in der im Kursbuch gerade noch der »Tod der Literatur« ausgerufen wurde.

Das sind so die Fronten, zwischen die sich Fauser setzt. Das sind die Positionen und Programme, die er verachtet und von denen er sich mit einem eigenen Programm abgrenzen will.

Kein Wunder also, dass er aus der deutschen Literatur rausspringt. Ihn interessieren die radikalen Experimente anderswo. Deshalb die Hinwendung zur Cut-up-Ästhetik. Zum schreibenden und junkenden Burroughs. Später zum schreibenden und trinkenden Bukowski.

Genau. Diese Orientierung wird ihn eng mit Weissner verbinden. Aber, aber …: Wie sehr Fauser in der Zeit um 1970 wirklich an Cut-ups geglaubt hat, ist nicht so genau auszumachen. Da entwickelt er sich schnell weiter und seilt sich etwa von der Zeitschrift UFO ab, in der wild mit Schreibweisen experimentiert wurde. Genauso beschäftigt ihn Bukowski – noch so ein abgewetztes Label! – nach 1977 nur noch nebenher. Er verabschiedet sich und macht etwas Eigenes. Dabei sollte man nicht vergessen, dass Fauser außer den genannten Klassikern auch andere sorgfältig gelesen hat: Fallada, Joseph Roth, Frick, um mal ein paar seiner deutschsprachigen Rolemodels zu nennen.

Aber noch mal zurück. Auch wenn Fauser zu dieser Zeit nicht auf die Junkie-Gestalt reduziert werden darf, dann ist doch richtig: Er wollte viel, hatte aber nichts. Und gut ging es ihm nicht. Im Gegenteil: Er war tatsächlich ziemlich runtergekommen. Dass er da auf Carl Weissner trifft und dass der für ihn da ist, gehört ja zu den Glücksmomenten von Fausers Biographie. 

Ach, es ist nicht nur ein Moment. Eigentlich ist der ganze Briefwechsel von diesem Glück bestimmt.« (Seiten 11 bis 12)

Alle Briefe sagen Jetzt, Jetzt, Jetzt

Brief vom 16. Juli 1978

»Es braucht ziemlich lange, bis hier im Buch der erste Weissner-Brief auftaucht.5 Da hat man von Fauser schon zwanzig Stück gelesen.

Aber fest steht, dass auch Weissner bis dahin schon viel in die Beziehung investiert hat und die beiden längst dabei sind, gemeinsame Ideen und Projekte und Programme zu entwickeln.

Und eine gemeinsame Poetik, eine gemeinsame Ästhetik des Hin und Her des Briefeschreibens.

Unbedingt, ja. 

Wenn ich die Briefe lese, höre ich ja immer die Schreibmaschinen klappern.

Fauser schreibt auf einer Olympia Reiseschreibmaschine, eine DeLuxe SM3, die ihm in Göttingen Nadine Miller kauft, finanziert von ihrem Studiengeld oder aus Einkünften als Nachtschwesternhilfe.

Wie die beiden schreiben, ist so interessant. Das Erste, was einem auf fällt, ist: Vor allem schreiben sie gern immer nur auf einer Seite. Es gibt nur ganz wenig Briefe, auf denen auf der zweiten Seite weitergeschrieben oder noch ein zweites Blatt in die Maschine gespannt wird.

Das ist so auf fällig, dass man eigentlich sagen muss: Die beiden bespielen ihre Blätter wie eine Art Bildfläche, in die sie den Text so reinhämmern, dass er als Ganzes Gestalt annimmt.« (Seiten 16 und 17)

Weiterlesen? Das ganze Gespräch hier zum Download.

Copyright © Matthias Penzel, Stephan Porombka und Diogenes Verlag AG Zürich

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