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»Deine Liebe ist dein zweites Leben / Und die Nacht ist plötzlich weiter als die Welt.« – Drei Gedichte von Jörg Fauser

Nächste Woche erscheinen zwei neue Bücher in der neuen großen Fauser-Edition bei Diogenes – darunter Ich habe große Städte gesehen, ein Gedichtband. Heute zeigen wir euch drei Gedichte daraus, exklusiv auf dem Diogenes Blog, welche die ganze Vielfalt des weltgewandten Autors zeigen. (Aber Vorsicht, sie sind nichts für schwache Nerven.) 

Jörg Fauser, 1987. Foto: Archiv Jörg Fauser

Der Anfang

Der Anfang kommt, wenn du wieder allein bist
Die Häuser sind dann dunkler als Höhlen
Und die Straße ist länger als das Leben
Und die Stadt ist größer als die Welt

Der Anfang ist eine Rose auf dem Pflaster
Der Anfang ist der Nebel überm Asphalt
Der Anfang der Liebe ist das Wort ich
Der Anfang der Liebe ist Angst

Der Anfang ist ein rostiges Messer
Der Anfang ist eine offene Wunde
Der Anfang ist eine Wölfin und wenn du kein Wolf bist
Dann ist die Stunde des Anfangs schon die Stunde des
Endes

Der Anfang kommt, wenn du wieder allein bist
Deine Angst ist dein zweiter Schatten
Deine Liebe ist dein zweites Leben
Und die Nacht ist plötzlich weiter als die Welt

1979

Foto: Archiv Jörg Fauser

Zu den Fragen der Zeit

Mir geht’s wie euch, zu den Fragen
der Zeit fällt mir auch nur mehr Unsinn ein,
aber ich hoffe, es gibt in der Leipziger Straße,
in Frankfurt, an der Bockenheimer Warte,
noch die Imbissstube, wo ich oft
mit meinen Freunden, den Nachtwächtern
und Schlafwandlern hockte und über Bier
und Fritten die Frage erörterte,
ob Durutti den tödlichen Schuss nicht
doch in den Rücken gekriegt hat, und so viel
ich noch weiß, wurden wir uns nie
einig, und vielleicht spielt es auch
wirklich keine Rolle mehr,
aber da gab es immer ein paar
bediente Mädchen, man musste nur
aufpassen, dass man keinem von den harten
Jungs mit dem weichen Leder in die Quere
kam, aber sonst war da oft eine gute
Stimmung, viel Bier, viel Gelächter,
und noch spät nachts eine saftige
Wurst und immer die neusten Platten
in der Box und um die Ecke die neuste
Basisarbeit der Studenten, besetzte Häuser,
in denen man manchmal unsäglich fror
aber fast nie allein im Bett lag,
und wenn man morgens um drei noch
Hunger hatte, und wie oft hatten wir den,
gab es genug Eierautomaten in der Gegend
die man knacken konnte, einfach
mit dem Stein drauf und die Eier raus
und gerannt, und dann wieder die seltsam
friedlichen Stunden am Wasserhäuschen, wenn man
glaubte, das Leben läuft rückwärts, und die Welt
wie eine Flocke Eigelb war, so leicht,
so sanft, mit dem grünen Laub und den
Mädchen, die man für ihr Lächeln liebte,
und die Fragen der Zeit so klar
wie der Schluck Wasser für einen durstigen
Freund …

Charles Bukowski und Jörg Fauser. Foto: Michael Montfort

Ein Bier mit Bukowski

Das nächste Bier ist todsicher das Bier
zu viel, und während ich darauf warte
und schon spüre, wie der Schnaps die Nieren
zersetzt, mach ich schnell die Augen auf.

Was für einen Arsch die Frau an der Theke hat.
Die poröse Zunge der Fernsehansagerin.
Desaster im »Schmalen Handtuch«.
Desaster mit Krätze und Korn
und Ratten am Sack.
Desaster fürs Fleisch,
der Saft ging daneben,
die Perücke rutschte ins Ketchup,
sie ließ das Glas fallen,
dann sich selbst:
»Euch hab ich alle gefressen.«

Langsam das Bier aussüffeln und langsam
nach draußen gehen, langsam wie die Würmer
aus dem After kriechen, die Tellerminen
sind uns längst so egal
wie das Feuilleton.
Alles in Ordnung mit deiner Menschheit,
alles ganz klar;
wenns in der Hose feucht wird, gibt’s
drei Möglichkeiten:
Pisse, Blut oder kalter Bauer.

Such dir was raus.

 

---

Jörg Fauser wurde 1944 bei Frankfurt am Main geboren. Nach Abitur und abgebrochenem Studium lebte er längere Zeit in Istanbul und London. Er arbeitete u.a. als Aushilfsangestellter, Flughafenarbeiter, Nachtwächter. Ab 1974 widmete er sich hauptberuflich dem Schreiben. Seine Romane, Gedichte, Reportagen und Erzählungen sind eine Ausnahmeerscheinung in der deutschen Literatur. Jörg Fauser verunglückte 1987 in der Nacht nach seinem Geburtstag tödlich bei München auf der Autobahn.

Ich habe große Städte gesehen sowie Caliban Berlin erscheinen am 25. September 2019. Sie sind auch als eBook (hier und hier) erhältlich.

Weiterhin im Diogenes Verlag erhältlich: Schlangenmaul, Rohstoff sowie Rohstoff Elements.

 

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Caliban Berlin

Kolumnen 1980–1984

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