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Charles Lewinsky ›Rauch und Schall‹: Ein heiteres Traktat über das Schreiben

Was passiert, wenn Goethe plötzlich Angst hat vor dem leeren Blatt? Dieser Frage stellt sich Diogenes Autor Charles Lewinsky in seinem neuen Roman Rauch und Schall. Humorvoll changierend zwischen Fakt und Fiktion versetzt er den Klassikerautor Goethe in ein fiktives Setting, in dem er mit einer hartnäckigen Schreibblockade hardert. Schmunzler garantiert! 

Lesen Sie hier erste Auszüge aus dem Roman.

Foto: Maurice Haas / © Diogenes Verlag

(Auszug Seite 7 bis 10)

Goethe hatte Hämorrhoiden. Auf der Rückkehr nach Weimar plagte ihn sein juckender Hintern jeden Tag mehr, die Kutschenfahrt wurde zur endlosen Odyssee, und immer öfter musste er einen Zwischenhalt befehlen, um der fraglichen Körperöffnung mit Ringelblumensalbe eine vorübergehende Erleichterung zu verschaffen. Am meisten litt er, wenn während dieser Aufenthalte die Natur ihr Recht verlangte, denn das bedeutete jedes Mal die nächste blutige Pein, als ob man, dachte er jedes Mal, wie bei manchen vom Hof bestellten Festgedichten etwas aus sich herauspressen müsse, dem die Natur das ius vivendi verweigert. Einmal hatte er, um den eigenen Körper mit scheinbarer Nichtbeachtung zu überlisten, während der schmerzhaften Prozedur ein Distichon erdacht, in dem er den unangenehmen Vorgang mit sehr viel deutscheren Worten beschrieb, als er sie in den Xenien verwendet hätte. Es war bedauerlich, dass er seine Freude über die Brillanz der skatologischen Formulierung mit niemandem würde teilen können. Er hatte die zwei Zeilen nicht einmal, wie er es sonst mit allen erhaltenswerten Einfällen tat, dem mitreisenden Secretarius Geist diktiert; dessen unbewegtes Dienergesicht ließ jeden Gedankenblitz verpuffen wie feuchtes Pulver auf der Pfanne. Dass Goethes Laune während der Fahrt immer schlechter und seine Galle immer schwärzer wurde, lag nicht allein an den Sitzbeschwerden. Christianen hatte er erklärt, dass solche Reisen für ihn so notwendig seien wie der Ausflug einer Biene aus ihrem Stock, nicht des Vergnügens wegen unternommen, sondern um aus dem dabei gesammelten Nektar neuen Honig zu generieren, aber diesmal hatte sich, um im Bild zu bleiben, nur spärliche Ernte finden lassen, alles schon längst abgegrast und abgeerntet, die Ideen aus zweiter Hand und die Gedanken schon tausendmal von anderen gedacht. Kurz: Die anstrengende Schweizerreise hatte nicht die erhoffte Inspiration für neue Werke gebracht. Die einzige magere Ausbeute war ein vager Plan für ein dramatisches Gedicht, in dem er die Sage um den Armbrustschützen Tell im Stil von Hermann und Dorothea in Hexametern neu erzählen wollte, aber das Projekt begeisterte ihn nicht wirklich. Vielleicht war der Stoff doch eher etwas für Schiller. Und dann – die Götter sind einfallsreich in ihren Plagen – hatte auch noch der seit Tagen immer wieder neu einsetzende Regen den Fahrweg so durch weicht, dass die Räder beim Anstieg zu einem kleinen Hügel im Schlamm stecken blieben und sich die Kutsche auch mit den vereinten Kräften ihrer Fahrgäste nicht mehr von der Stelle bewegen ließ. Es blieb keine andere Wahl, als sich zu Fuß auf den Weg zurück zu einem vor wenigen Minuten durchfahrenen Dorf zu machen, in der Hoffnung, dort einen Bauern zu finden, der ihnen mit einem Ochsengespann zu Hilfe kommen konnte. Der Kutscher wurde beim Wagen zurückgelassen, nicht nur der Pferde wegen, sondern weil nach einer langen Zeit kriegerischer Unruhen auch in so einer gottverlassenen Gegend jederzeit mit Dieben zu rechnen war. Goethe sorgte sich vor allem um die in den Schweizer Bergen gesammelten Quarzite, die seine Mineraliensammlung so vortrefflich ergänzen würden, und selbst Geists Einwand, dass sich auch die gierigste Räuberbande wohl kaum für Steine interessieren dürfte, konnte ihn nicht wirklich beruhigen. Während sie am Rand der schlammigen Straße nach einem gangbaren Pfad suchten und dabei mehr als einmal bis über die Waden im Dreck einsanken, brach auch noch das nächste Gewitter los – an einem Tag, an dem sich die kichernden Kerkopen immer neue Streiche einfallen ließen, konnte es gar nicht anders sein – , und trotz seines Reisemantels, der ihm in den Alpen so gute Dienste geleistet hatte, war Goethe, als sie endlich das Dorf erreichten, bis auf die Haut durchnässt. Ein Gasthaus, in dem man Aufnahme hätte finden können, gab es hier nicht, nur eine enge Stube, in der sich ein alter Bauer mit selbstgebrautem Schnaps etwas zu seinem Deputat dazuverdiente. Der seltsame Wirt stellte ungefragt eine Steingutflasche und zwei Gläser vor die beiden schlotternden Männer hin, und wenn der Branntwein auch von der Art war, wie ihn Christiane mit Schmierseife vermischt als Mittel gegen Blattläuse zu verwenden pflegte, so wärmte er doch ein bisschen.

Foto: © nightelves / Pixabay

(Auszug Seite 26 bis 30)

»Die Schwierigkeiten wachsen, je näher man dem Ziele kommt«, diktierte Goethe. Secretarius Geist notierte den Satz mit so unbewegter Miene, als handle es sich nicht um eine kleine sprachliche Perle, sondern nur um die Erinnerung, dass ein zu lang liegengelassener Brief zu beantworten oder bei der Hofkanzlei eine Akte anzufordern sei. Nicht dass Goethe für jeden seiner Einfälle begeisterten Beifall erwartet hätte – obwohl er auch nach all den Jahren des Erfolgs immer noch nach Anerkennung gierte – , aber irgendeine Reaktion hätte Geist schon zeigen dürfen. Nun ja, es war keine große Erkenntnis gewesen, die waren auf dieser Reise leider ausgeblieben, aber es war doch immerhin ein kleiner Beitrag für den Zettelkasten hübsch geschliffener Formulierungen, die sich später einmal, wenn gar keine neuen Ideen kommen wollten, in einem noch zu findenden Zusammenhang würden verwenden lassen. Es war seltsam, er hatte das schon oft gedacht, was alles so einen Einfall auslösen konnte; diesmal hatte ein Blick auf den Ärmel seiner Reisejoppe den Anstoß gegeben. Auf diesem Ärmel hatte nämlich, irgendwo in den Schweizer Bergen, ein Vogel ein Andenken hinterlassen, aber keines von der Sorte, mit der er Christianen oder August hätte eine Freude bereiten können. Solang man unterwegs war, brauchte einen ein solch rustikaler Fleck nicht zu kümmern, im Gegenteil: Wenn man, wie er, in einer privaten Kutsche reiste, war es durchaus angebracht, sich die Strapazen der langen Fahrt durch legere Kleidung so gut wie möglich zu erleichtern, so wie er auch zu Hause, wenn keine Dienstgeschäfte anstanden, gern den ganzen Tag in dem Déshabillé verblieb, dem er in Hermann und Dorothea einen eigenen Hexameter gewidmet hatte: Ungern vermiss ich ihn doch, den alten kattunenen Schlafrock. Aber jetzt, wo sie bereits herzogliches Gebiet erreicht hatten und in wenig mehr als einer Stunde zu Hause ankommen würden, musste die Freiheit allmählich wieder den Repräsentationspflichten des Ministers weichen, kurz: In so staubiger Reisekleidung konnte und wollte er nicht in Weimar eintreffen. Die Titel und Ämter, die ihm der Herzog verliehen hatte, brachten nicht nur Privilegien mit sich, sondern auch Verpflichtungen; man repräsentierte den Staat nicht unrasiert. »Anhalten«, befahl Goethe. Das Gehöft stand etwas abseits der Landstraße und hatte nichts Bemerkenswertes an sich, war so gebaut, wie arme Leute eben bauen müssen, mehr Kate als Haus, die Streben des Fachwerks aus krumm gewachsenem Holz und die Gefache mit kaum faustgroßen Steinen gefüllt, von denen der Lehmputz schon wieder abbröckelte. Doch da war immerhin ein Brunnen, man würde sich also waschen können. Das Sitzbad aus Eichenrindensud, nach dem er sich wegen seiner Beschwerden so sehr sehnte, würde bis zur Ankunft am Frauenplan warten müssen, aber der Rauch aus dem Kamin versprach doch zumindest warmes Wasser. Wer reist, lernt sich bescheiden. Als Herold der Gesellschaft wurde der Kutscher losgeschickt, mit dem Auf trag, ihnen Einlass und die Benutzung eines Zimmers zu verschaffen. Er musste mehrmals anklopfen und sogar den Stiel seiner Peitsche zu Hilfe nehmen, bis die Tür endlich eine Handbreit geöffnet wurde. Durch den schmalen, mit einer Kette gesicherten Spalt ließen sich, wie auf den Caravaggio-Gemälden, die Goethe in römischen Kirchen bewundert hatte, im Chiaroscuro des Flurs nur gerade ein Arm und eine Hand erkennen, während die Person selber im Schatten verborgen blieb. Aus dem Klang ihrer Stimme zu schließen, musste es sich um ein junges Mädchen handeln. Es tue ihr leid, sagte die Stimme, sie dürfe, wenn sie allein im Haus sei, niemanden einlassen, schon gar keine Unbekannten, der Vater habe es streng verboten. Aber allzu lang könne es bis zum Angelusläuten nicht mehr dauern, dann würden die Eltern vom Feld zurückkommen und den Fremden bestimmt gern zu Diensten sein. Wenn die Herrschaften also warten wollten? Goethe, der sich in einiger Entfernung die vom langen Sitzen schmerzenden Beine vertrat, konnte nicht hören, auf welche Weise der Kutscher die Unbekannte zu überzeugen versuchte, nur einzelne Worte wie »Minister« und »lange Reise« drangen zu ihm. Schließlich hörte er den eigenen Namen, aber auch der schien hier nicht der Sesam-öffne-Dich zu sein, der magische Türöffner, als der er sich auf der Reise so oft bewährt hatte. Bis in die Bauernhäuser war sein Ruf noch nicht vorgedrungen; wer nicht liest, kennt auch keine Dichter. Goethe wollte schon aufgeben und die Fahrt fortsetzen lassen, als Secretarius Geist den Kutscher zur Seite schob, um auch seinerseits einen Überzeugungsversuch zu unternehmen. Er hatte kaum zu reden begonnen, als die Kette auch schon ausgeklinkt und die Tür geöffnet wurde. Im Hintergrund des Flurs sah man eine weibliche Gestalt verschwinden. »Sie macht Wasser heiß«, sagte Geist. »Mit welchem Argument hat Er sie denn überzeugt?« Der Secretarius konnte, auch wenn das seiner seriösen Art nicht entsprach, ein triumphierendes Lächeln nicht ganz verbergen. »Ich habe ihr im Namen Eurer Exzellenz einen halben Taler versprochen.«

Rauch und Schall
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Rauch und Schall

Goethe kommt zurück aus der Schweiz und hat zu Hause in Weimar plötzlich eine Schreibblockade. Da kann sein kleiner Sohn August noch so still sein und seine Frau Christiane noch so liebevoll um sein Wohl besorgt. Ausgerechnet sein Schwager Christian August Vulpius, ebenfalls Schriftsteller und von Goethe verachteter Viel- und Lohnschreiber, kommt ihm in dieser Situation zu Hilfe. Zu einer Hilfe, die Goethe nicht will und doch dringend braucht.


Charles Lewinsky, 1946 in Zürich geboren, ist seit 1980 freier Schriftsteller. International berühmt wurde er mit seinem Roman Melnitz. Er gewann zahlreiche Preise, darunter den französischen Prix du meilleur livre étranger. Der Halbbart war nominiert für den Schweizer und den Deutschen Buchpreis. Sein Werk erscheint in 16 Sprachen. Charles Lewinsky lebt im Sommer in Vereux, Frankreich, und im Winter in Zürich.

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