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»Manchmal liegt das Glück darin, Widersprüchliches auszuhalten.«

Ein Kloster – Sehnsuchtsort für eine Auszeit. Doch was macht es mit denen, die dort Zuflucht suchen? Wir haben mit Moritz Heger über seinen Roman Aus der Mitte des Sees und seine eigenen Erfahrungen im Kloster Maria Laach gesprochen.

Foto: Maurice Haas / © Diogenes Verlag

Sie haben einen Roman geschrieben, der in einem Kloster spielt. Warum dieser Ort, wie kam es dazu?

Ich war im Sommer 2017 gerade im Kloster Maria Laach in der Eifel, als ich darüber nachdachte, womit sich mein neuer Roman beschäftigen soll. Ich bin dort regelmäßig im August für etwa zwei Wochen zum Schreiben, aber auch zum Wandern, Schwimmen, Teilnehmen an Stundengebeten. Und nach drei Tagen hatte ich auf einmal die Eingebung: So ein Setting, das ist es! Nimm das Naheliegende! Da steckt so viel drin.

In der Tat: Manche Leute gehen zur Kur, manche zur Wellness. Sie nehmen eine Auszeit in der Klausur. Wie fühlt sich das an? Wie – und wie lange – hält man es da mit sich aus?

Man darf sich die Klausur in einem Benediktinerkloster heute nicht mehr total streng vorstellen. Aber es gibt sie natürlich. In Maria Laach dürfen männliche Gäste zum Essen ins Refektorium der Mönche. Das ist eine tolle Erfahrung, Mahlzeiten in dieser liturgischen Form mit Schweigen und Tischlesung. Mönche sind großartige Vorleser!
Zu Ihrer anderen Frage: Natürlich, der Selbstkonfrontation entgeht man dort nicht. Nach dem letzten Gebet des Tages, der Komplet, und vor dem ersten des neuen herrscht Schweigen in der Klausur. Von außen haben wir das Bild in sich ruhender Menschen im Kloster, die irgendwie vergeistigter sind als wir Normalen. Wenn man näher hinschaut, sieht man aber, dass auch Mönche recht normale Menschen sind.

Kloster Maria Laach. Bild von analogicus auf Pixabay

Zu Ihrem Roman: Sie begleiten Lukas, einen knapp 4o-jährigen Mönch, der vor sechzehn Jahren ins Kloster eingetreten ist und der, da sein Freund und Mitbruder Andreas das Kloster verlässt und eine Familie gründet, ins Schwanken gerät. Sie lassen ihn seine intimsten Gedanken darlegen/ergründen, in der Tradition der literarischen Selbsterforschung, der Bekenntnisliteratur: Augustinus, Montaigne, André Gide fallen einem da ein.
Und diesem Mann begegnet auch noch die herausfordernde, attraktive Sarah und bringt ihn ziemlich durcheinander. Ich zitiere einen Satz aus Ihrem Roman, als Lukas denkt: »Ich will nichts von dir. Ich glaube, dass ich nicht lüge mit diesem Satz. Aber der andere Satz ist auch wahr: Ich schließe es nicht aus.«

Sarah ist eine Frau, die im Wortsinn auftaucht an seinem Rückzugsort auf dem Steg, in seinem Leben. Sie ist sehr körperlich da, und diese Frau in ihrer spöttischen, spielerischen Art – sie ist ja Schauspielerin –, sie tut ihm gut. Er kann mit ihr sehr bald schweigen, das ist ihm wichtig. Und er kann sich langsam annähern, die Sätze, die Sie zitieren, zeigen ihn auch als jemand, der nicht ganz einfach ist. Und das nicht nur, weil er Mönch ist, sondern eher umgekehrt: Lukas ist Mönch geworden, um seinem Nicht-­ganz-einfach-Sein eine Form zu geben – und jetzt kommt da Sarah, die Fragen stellt und seine Lebensform in Frage stellt – aber eben nicht plump oder zu direkt, sonst würde er sich in sein Schneckenhaus zurückziehen. Sarah bietet ihm Raum für Phantasien und er ihr auch. Ich glaube, dass das etwas ganz Wichtiges in sich entwickelnden Liebesbeziehungen ist, dass nicht gleich alles auf den Tisch gelegt und totgeredet wird, als ob es um Vertragsverhandlungen ginge.

Raum für Phantasien beziehungsweise Offenheit, Ehrlichkeit. An einer Stelle wünscht sich Lukas, er könne zu dieser Frau ehrlicher sein als zu einem Beichtvater, ehrlicher sogar als zu Gott. Und das zu einer Frau, in die er verliebt ist? Geht das?

Ich glaube, ich weiß, auf welche Textstelle Sie anspielen. Und ja, ich glaube, dass Liebe uns öffnen kann wie wenig anderes. Wobei das, wenn es nicht in der Phantasie bleibt, sondern real wird, durchaus auch problematisch sein kann. Man kann auch zu offen sein in der Liebe.

Schwimmen spielt im Roman eine große Rolle. In einem See schwimmt man über einem Abgrund und wird doch getragen, beides wird einem nicht bewusst.

Ich glaube, Schwimmen ist ein starkes Bild für Gott. Dass Gott uns trägt, stellen wir uns vielleicht ziemlich handfest vor. Dass er uns trägt wie Wasser – das ist das bessere Bild, denke ich. Wenn Kinder oder auch Erwachsene schwimmen lernen, denken wir oft zu technisch, es würde nur um Bewegungen und deren Koordination gehen. Das Entscheidende ist aber, eine Erfahrung mit dem Wasser zu machen: Es trägt dich, wenn du dich tragen lassen kannst.

Laacher See. Bild von Thomas B. auf Pixabay

Woran denken Sie bei »ein Leben in Fülle«?

Das verheißt Jesus den Menschen im Johannes-Evangelium. Wir Nichtmönche wünschen uns in der Regel »Fülle im Leben«. Wir haben Angst vor Leere, horror vacui. Wir stopfen unsere Zeit aus, kaum stehen wir drei Minuten an der Haltestelle: Handy raus ... Wie wäre es, wenn es umgekehrt wäre? Wenn die Fülle um uns wäre? Vielleicht könnten wir dann mehr Leere in uns aushalten.

Sie haben einmal gesagt: »Manchmal liegt das Glück darin, Widersprüchliches auszuhalten.«

Das glaube ich, ja. Ist das nicht zum Beispiel in der Liebe so, dass wir auch widersprüchliche Gefühle zur Geliebten oder zum Geliebten haben? Da auf Eindeutigkeit zu drängen kommt mir oft gewaltsam vor, manchmal der sicherste Weg, dass es auseinanderfliegt. Wenn der Partner, die Partnerin Ambivalenz aushalten kann, kann das ein überströmendes Gefühl des Glücks, des Verstandenwerdens auslösen. Und es kann dabei helfen, die Ambivalenz zu überwinden. Aber leicht ist das nicht.

Auch Ihr eigenes Leben ist, wenn man so will, ambivalent. Sie sind nicht nur Schriftsteller, Sie sind auch Lehrer. Es gibt eine Gemeinsamkeit mit Ihrer Figur Lukas: Auch an Ihnen zupft und zerrt die Außenwelt. Empfinden Sie das als Konkurrenz zum Schreiben?

Eher als Ergänzung. In beiden Bereichen werde ich ganz unterschiedlich gefordert, kann ich verschiedene Seiten von mir ausleben. Als Lehrer muss ich große Gruppen für etwas begeistern, gedanklich mitnehmen. Da ist Leben, Unruhe, Energie. Als Autor kann ich mich ganz in meine Geschichte hineinbegeben, Erlebtes verarbeiten. Da ruhe ich nicht eher, als bis ich die richtigen Worte gefunden habe. Ich möchte keines meiner zwei Standbeine missen – beide können auch Spielbeine sein.

Würden Sie einem jungen Menschen eine Auszeit im Kloster empfehlen?

Unbedingt. In meiner Schule fahren wir regelmäßig auf Klostertage. Das ist für die Fragen nach Sinn und Identität sehr wertvoll. Ein längerer Einzelaufenthalt kann das noch deutlich vertiefen. Junge Menschen haben heute viele Ängste, gerade weil sie so viele Informationen haben. Bei zigtausend möglichen Studienoptionen, wie finde ich die richtige? Bei tausend möglichen Partnern gibt es immer einen, der noch besser passt: Wie ist in so einer Welt eine verlässliche Bindung möglich? Kloster kann helfen, die eigenen Ängste anzuschauen, aber sich von ihnen nicht bestimmen zu lassen. Dieser Rahmen, den ein Kloster auf vielen Ebenen setzt, tut sehr gut.

Wenn Sie sich wünschen könnten, was dieser Roman bei Ihren zukünftigen Lesern und Leserinnen bewirkt, was wäre es?

Dass sie das Gefühl haben, etwas Tiefes über Menschen – ob sie nun Mönche sind oder nicht – zu erfahren, was sie – die Leser und Leserinnen – anregt, über sich selbst nachzudenken. Produktive, öffnende, bereichernde Gedanken.

(Die Fragen stellte Lektorin Ursula Baumhauer)

 

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