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»Mir war immer klar, dass wir die Welt nicht besitzen. Wir sind nur ein Teil von ihr, und wir schulden es ihr, sie zu bewahren.«
Ein Gespräch mit Katherine Rundell

Warum die Giraffe nicht in Ohnmacht fällt und andere Kuriositäten aus dem Tierreich ist ein Buch, das uns staunen lässt. Über die zahlreichen Wesen, mit denen wir unseren Lebensraum teilen und über ihre ungeahnten Geschichten und Eigenarten. Im erzählenden Sachbuch von Katherine Rundell, übersetzt von Tobias Rothenbücher, finden sich 22 gut recherchierte Porträts bedrohter Tierarten, die uns die Artenvielfalt näherbringen und die Bedeutung des Klima- und Artenschutzes verdeutlichen. Wie schreibt die Autorin so schön in Ihrer Einleitung: «Dieses Buch übernimmt die Rolle eines Zirkusdirekors mit Zylinder, Peitsche und angemaltem Schnurrbart. Er selbst ist nicht sonderlich bemerkenswert, aber seine Aufgabe besteht darin, uns das Bemerkenswerte zu zeigen und zu sagen: Liebe Freunde, schaut, was es hier zu sehen gibt – schaut hin! Findet ihr nicht auch, es verdient Staunen und Liebe?»

Über die Entstehung des erzählenden Sachbuchs, die Zusammenarbeit mit Illustratorin Talya Baldwin und ihre Begeisterung für die Tierwelt spricht Katherine Rundell im Interview. Lesen Sie selbst!

Foto: © Nina Subin / Diogenes Verlag

Warum die Giraffe nicht in Ohnmacht fällt und andere Kuriositäten aus dem Tierreich ist ein außergewöhnlicher Appell, die Schätze dieser Erde zu schützen. Warum war es Ihnen wichtig, das Buch gerade jetzt zu schreiben?
Katherine Rundell: Wir leben in einer atemberaubend schönen Welt und stehen gleichzeitig kurz vor einem unbegreiflichen Verlust. Allein in den letzten fünfzig Jahren sind rund 50% der wild lebenden Tiere ausgestorben. In diesem Sommer erreichte die Wassertemperatur in Florida beispiellose 38°C – Meeresbewohner wurden sozusagen bei lebendigem Leibe gekocht. Trotzdem können wir noch so vieles retten. Ich wollte ein Buch schreiben, das die überwältigende Vielfalt und Schönheit unserer Umwelt würdigt. Zugleich sollte es die Gefahr verdeutlichen, dass wir all das verlieren könnten, noch bevor wir uns überhaupt des Facettenreichtums bewusst geworden sind.

In 22 Porträts bedrohter Spezies eröffnen Sie eine neue Sichtweise auf die hinreißend kuriose Schönheit unseres Planeten. Wie sind Sie bei der Recherche vorgegangen?
Katherine Rundell: Ich bin Fellow am All Souls College in Oxford, und das Recherchieren gehört mit zu meinen liebsten Tätigkeiten. Ich lese Monografien über die Tiere, schaue mir Dokumentarfilme an, und dann kommt der beste Part: das Durchkämmen von Manuskript- und Online-Archiven von Zeitungen auf der Suche nach historischen Aufzeichnungen. Am Ende habe ich immer viel mehr Material, als ich brauche, aber ich glaube, es ist der beste Weg, um auf Informationen zu stoßen, die für meine Leserschaft unerwartet, fesselnd und neu sind.

Was war die größte Herausforderung bei der Arbeit am Buch?
Katherine Rundell: Die Frage nach der Balance, glaube ich. Ich wollte etwas schreiben, das unterhaltsam und mahnend zugleich ist. Dieses Gleichgewicht zu wahren, sodass es einerseits Spaß machen würde, das Buch zu lesen, andererseits aber zum Handeln auffordert, das war die eigentliche Herausforderung für mich.

Wie kam es zu der Zusammenarbeit mit der Illustratorin Talya Baldwin?
Katherine Rundell: Ich bin online auf ihre Arbeiten gestoßen und war beeindruckt von deren Detailreichtum und Schönheit. Für die Illustrationen im Buch hatte ich besonders die Farbe Gold im Blick, nach dem Motto «Plakativ und unübersehbar». Das Leben, das uns umgibt, schimmert im sattesten Gold. Ich habe ihr das fertige Manuskript geschickt, und wir haben mit den verschiedenen Einsatzmöglichkeiten von Gold experimentiert, bis wir die Umsetzung entsprechend unserer Vorstellung hatten.

Foto: © Studio Crevettes / Unsplash

Das Aussterben bedrohter Spezies ist ein hochaktuelles Thema, und es gibt viele Initiativen, die dagegen ankämpfen. Was können wir selbst tun, um die Tiere und ihre Lebensräume vor der Bedrohung durch den Klimawandel und menschliche Einflüsse zu schützen?
Katherine Rundell: Es gibt so viele Dinge, die wir tun können – und sie können sogar Spaß machen. Das erste und offensichtlichste ist das politische Engagement: Engagieren Sie sich auf sämtlichen Ebenen, und fordern Sie lautstark die Änderung der Gesetzgebung. Wählen Sie Parteien, die sich aktiv gegen den menschengemachten Klimawandel einsetzen und das Ziel verfolgen, fossile Energiegewinnung sofort durch Wind- und Solarenergie abzulösen. Prüfen Sie, ob Ihre Anlagen und Investitionen an fossile Energieträger gebunden sind. Protestieren Sie. Verändern Sie Ihre Lebensweise, um zum notwendigen Wandel beizutragen: Kehren Sie der Tradition des schonungslosen Konsums den Rücken und wenden Sie sich anderen, nachhaltigeren Formen des Glücks zu. Und nehmen Sie keine Niederlage in Kauf: Es ist immer, immer zu früh aufzugeben. Ich wollte sichergehen, dass das Buch selbst seinen Teil zum Wandel beiträgt. Deshalb spende ich dauerhaft die Hälfte meiner Einnahmen von diesem Buch an gemeinnützige Stiftungen, die sich dem Kampf gegen den Klimawandel verschrieben haben.

Angelehnt an die amerikanische Dichterin Mary Oliver haben Sie einmal erklärt, dass «Aufmerksamkeit der Beginn von Hingabe» sei. Inwiefern trifft das auf dieses Buch zu?
Katherine Rundell: Aufmerksamkeit ist der Beginn aller Dinge. Aufmerksamkeit führt zu Bewunderung, und die wiederum führt zu Dankbarkeit. Wenn man es schafft, wahre, echte Dankbarkeit hervorzurufen, dann kann das ein wertvolles Instrument im Kampf gegen den Klimawandel sein. Ich möchte die Bewunderung aus den Menschen herauskitzeln – diese engagierte, politische, aktive, wütende Bewunderung, die einen eisernen Handlungswillen nach sich zieht. 

Ihre große Faszination für all die Wunder im Tierreich ist nicht nur in diesem Buch zu spüren, sondern auch in den Kinderbüchern, die Sie geschrieben haben. Woher kommt diese Faszination?
Katherine Rundell: Ich bin zeitweise sehr naturnah in Simbabwe aufgewachsen – mein Vater arbeitete in der Entwicklungshilfe. Ich denke, das hatte Einfluss auf meine Sicht der Dinge. Mir war immer klar, dass wir die Welt nicht besitzen. Wir sind nur ein Teil von ihr, und wir schulden es ihr, sie zu bewahren.

Angenommen, Sie müssten wählen, welche der vorgestellten Tierarten hat Sie am meisten begeistert?
Katherine Rundell: Ich glaube, das wäre der Pangolin. Er hat das Gesicht eines freundlichen Akademikers und eine Zunge, die so lang ist wie sein gesamter Oberkörper. Die Jungtiere reiten auf dem Rücken der Mutter, und wenn das Tier bedroht wird, rollen sich die Baby-Schuppentiere ein, und die Mutter rollt sich um die Körper ihrer Jungen herum – wie eine russische Matrjoschka. Ich habe einmal eines dieser Schuppentiere zu Gesicht bekommen, in Simbabwe. Das habe ich nie vergessen.

Warum die Giraffe nicht in Ohnmacht fällt
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Warum die Giraffe nicht in Ohnmacht fällt

und andere Kuriositäten aus dem Tierreich
Aus dem Englischen von Tobias Rothenbücher. Mit Illustrationen von Talya Baldwin

Unsere Welt ist einzigartig und verblüffend. Es gibt Haie, die schon zu Shakespeares Zeiten gelebt haben, Giraffen, die durch Paris flanierten, verliebte Spinnen und Einsiedlerkrebse, die ihre Häuser renovieren. Mit einem bemerkenswerten Gespür für fesselnde Geschichten und kuriose Anekdoten eröffnet uns die preisgekrönte Autorin Katherine Rundell in diesen 22 eindrücklich recherchierten Porträts bedrohter Tierarten einen neuen Blick auf die hinreißend seltsame Schönheit unserer Erde.


Katherine Rundell, geboren 1987 in Kent, ist Fellow am All Souls College in Oxford. Ihre preisgekrönten Kinderbücher wurden in über dreißig Sprachen übersetzt, und ihre Sachbücher über John Donne und dazu, warum auch Erwachsene Kinderbücher lesen sollten, standen ebenfalls auf der Bestsellerliste. Sie schreibt unter anderem für die London Review of Books, das Times Literary Supplement und die New York Times.


Ein Gespräch mit Katherine Rundell von Anne H. Kaiser, August 2023
Aus dem Englischen von Franziska Adami
© by Diogenes Verlag AG Zürich