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100 Jahre Dürrenmatt 2021.
Daniel Kehlmann zum ›Stoffe-Projekt‹.

Das Stoffe-Projekt ist Friedrich Dürrenmatts großes Spätwerk. Darin verwebt er autobiographische mit philosophischen und fiktionalen Texten und Textfragmenten zu einer ganz eigenen Prosaform. Bestsellerautor Daniel Kehlmann zählt zu den Dürrenmatt-Bewunderern und berichtet in seinem Vorwort zu dem editorischen Großprojekt von seiner Faszination. »Friedrich Dürrenmatts Blick war von Anfang an aufs Große, aufs Ganze, auf die Welt gerichtet, der Begriff ›Weltliteratur‹ ist selten so passend wie bei ihm.«

Das unmögliche Buch: Über Dürrenmatts Stoffe.
Auszug aus dem Vorwort von Daniel Kehlmann.

»[...] Und dann las ich die Stoffe und geriet völlig in ihren Bann. Was Dürrenmatt hier unternommen hatte, stand quer zu allem, was zu Beginn der neunziger Jahre in der deutschen Literatur in Mode oder üblich war. Das hier war so radikal, dass – die Besprechungen von damals zeigen es – die meisten Kritiker nicht einmal erkennen konnten, dass es radikal war; sie standen vor einem Gebirge und beschwerten sich darüber, dass sie keinen Hügel, mit anderen Worten: keinen Roman, fanden. Die Stoffe sind vielleicht der schrägste und eigentümlichste Rechenschaftsbericht, den es in der deutschsprachigen Literatur je gegeben hat: ein Porträt des Künstlers als junger Mann, eingefasst in ein letztlich unmögliches Buch – ein Buch nämlich, das erzählt, was sein Autor nicht zu erzählen vermocht zu haben behauptet, also seine ›ungeschriebenen Stoffe‹: ein Buch, in dem steht, was angeblich nicht aufgeschrieben wurde.

Foto: © Simon Schmid; Quelle: Schweizerisches Literaturarchiv, Bern / Nachlass Friedrich Dürrenmatt Die Nachlassschachteln von Dürrenmatts Stoffe-Massiv im Schweizerischen Literaturarchiv in Bern, zu dessen Gründung Dürrenmatt mit der Schenkung seines literarischen Nachlasses die Voraussetzung schuf. In den fast 20 Jahren, die er an seinem großen Prosawerk arbeitete, entstanden mehr als 30 000 Manuskript- und Typoskriptseiten. Der Gesamtnachlass umfasst etwa 450 solcher Schachteln. Online-Edition: fd-stoffe-online.ch

Man muss sich das einmal im vollen paradoxen Umfang vergegenwärtigen. Jeder Autor scheitert im Laufe seines Schriftstellerlebens an einigen, ja meist sogar an vielen Vorhaben. Er oder sie beginnt an Dingen zu arbeiten, die dann nicht fertiggestellt werden, die sich als zu schwierig entpuppen, bei deren Bearbeitung Probleme auftauchen, die man nicht vorhergesehen hat. Das gehört zum Schriftstelleralltag; naturgemäß wird darüber nur ungern gesprochen. Was aber Dürrenmatt in seinen Stoffen unternimmt, ist so grandios wie absurd: Er schildert sein Schriftstellerleben anhand gescheiterter Projekte, diese aber beschreibt er nicht einfach, sondern er führt sie aus, er erzählt kunstvoll und brillant, was er angeblich nicht zu erzählen vermochte. Die nicht geschriebenen Stoffe, um die es gehen soll, werden ihm also unter der Hand, und ohne dass er den Widerspruch je thematisieren würde, zu geschriebenen. Vom schneeweißen Alptraum des Winterkriegs in Tibet bis zur surrealen und doch völlig konsistenten kosmologischen Vision von Das Hirn – dessen letzte Seite in einem nihilistischen Galopp an den großen und kleinen Katastrophen der Menschheitsgeschichte vorbeijagt und schließlich in Auschwitz endet – werden Dürrenmatt die einst gescheiterten Projekte zu nunmehr gemeisterten.

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Das Stoffe-Projekt

Textgenetische Edition in fünf Bänden im Schuber verbunden mit einer erweiterten Online-Version

 

Hier haben wir es nicht mehr mit dem entspannt witzigen Autor von Romulus der Große oder Frank der Fünfte oder mit dem Moralisten der Physiker zu tun, sondern wir sehen den Dürrenmatt, den wir von seinen Gemälden und Zeichnungen kennen – einen grimmigen Apokalyptiker und Nihilisten, der sich so fröhlich wie gnadenlos eine Welt ohne Hoffnung ausmalt.
Zwischen diesen apokalyptischen Szenarien aber entfaltet Dürrenmatt seine in gelassenem Plauderton erzählte Autobiographie, und wir lesen über Dürrenmatts Jugend, sein Literatur- und Philosophiestudium, seine literarischen Einflüsse und seine frühen schriftstellerischen Versuche. Wir erfahren, wie er in der Schweiz der Nachkriegsjahre zu sich selbst fand und Schriftsteller wurde. Der Kontrast zwischen den Erzählungen der angeblich nicht ausgeführten Stoffe und jener Lebenserzählung ist in Stil, Atmosphäre, Ton und Inhalt so drastisch, dass allein aus der Spannung zwischen ihnen schon ironische Funken zu schlagen scheinen.

Typoskript-Seite Mondfinsternis, 1978

[...] In dieser Ausgabe findet man zum ersten Mal alles versammelt – die Entwürfe, die Vorstudien, die Notizen, mit anderen Worten: die gescheiterten Versuche, von denen Dürrenmatt spricht. Die vorliegende Edition zeigt, dass die Arbeit an der Vollendung der gescheiterten Versuche im Schreibprozess wieder neue gescheiterte oder unvollendete Texte hervorbrachte, wodurch die Stoffe zu einem späten Endlosprojekt in Dürrenmatts Arbeit wurden. Es handelt sich bei diesem Konvolut um nicht weniger als eines der geheimen Hauptwerke der deutschen Gegenwartsliteratur, um das kompromisslose Experiment eines Schriftstellers, der alt genug war, um so jung und unbefangen schreiben zu können, dass er am Ende doch alles, was ihm einst nicht gelang, in Form eines unmöglichen Buches zum Abschluss brachte.« Daniel Kehlmann

Das vollständige Vorwort finden Sie in der Textgenetischen Edition in fünf Bänden im Schuber (erschienen bei Diogenes 26.5.2021), mit einer großen Auswahl von Fassungen und Fragmenten, entstanden zwischen 1969 und 1990. Aus dem Nachlass herausgegeben von Ulrich Weber und Rudolf Probst.
Verbunden mit einer erweiterten Online-Version des Schweizerischen Literaturarchivs.

100 Jahre Dürrenmatt (100. Geburtstag 5.1.2021)

Friedrich Dürrenmatt. Foto: © Kurt Strumpf /AP Photo / Keystone

Die zum Jubiläum erschienen Bücher und Events finden Sie auf der Website der Schweizerischen Nationalbibliothek www.duerrenmatt21.ch 
und auf der
Diogenes Microsite