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Yorn - Zum Muttertag, die Geschichte eines ganz besonderen Geschenkes

Gast im Glück von Yorn, der Modedesigner und als junger Mann Assistent von Christian Dior ist seit April bei Diogenes erhältlich.

Hier auf dem Diogenes Blog teilen wir das Kapitel "Höchste Ansprüche -  1946" in Bezug auf den heutigen Muttertag exklusiv mit euch.

Illustration: © Jean-Jacques Sempé

Höchste Ansprüche - 1946

Hundelshausen ist nicht Paris. Doch ausgerechnet hier findet meine erste wahre Begegnung mit der Mode statt.
Kurz nach dem Krieg kommen keine Familienferien an der See oder in den Bergen in Frage. Höchstens ein paar Tage in bescheidenen Sommerquartieren auf dem Land. So sind meine Eltern erleichtert, als sich ihnen die Möglichkeit bietet, mich als Ferienkind einer befreundeten Großfamilie anzuhängen. Mit Ziel Hundelshausen, irgendwo im Werratal. Es werden herrliche drei Wochen. Vor allem, da wir im Gasthaus Bindbeutel mit eigener Schlachterei untergebracht sind.
In der mageren Nachkriegszeit sind üppige Mahlzeiten in den Städten eher Mangelware. Mit selbstgestrickten Handarbeiten oder letzten Tischservietten aus Leinen und einigen silbernen Teelöffeln aus dem Familienfundus beladen, fährt meine Mutter mit dem Fahrrad durch die Umgebung von Bremen, um etwas Butter, einige Eier oder vielleicht auch mal ein altes Karnickel dagegen einzutauschen. Nach diesen Hamstertouren sind unsere Teller stets etwas reichhaltiger gefüllt.
Es sind meine ersten Ferien nach dem Krieg auf dem Land, und dank der hauseigenen Produktion der Familie Bindbeutel verschlinge ich Unmengen von Kalbsbraten, Schweineschnitzeln und Rinderfilets. Ich fühle mich wie im Schlaraffenland und bedaure nur, dass meine Eltern sich nicht ebenfalls an eine so reich gedeckte Tafel setzen können. Daher plane ich, sie bei meiner Rückkehr mit einer kulinarischen Spezialität der Familie Bindbeutel zu überraschen.
Eigentlich habe ich vor, eine der leckeren hausgemachten Blutwürste den Eltern als Mitbringsel aus den Ferien zu spendieren. Doch es kommt ganz anders.
Der Familienclan Bindbeutel besitzt noch eine weitere lukrative Einnahmequelle im Ort: ein Geschäft für Kurz-, Weiß- und Miederwaren sowie allerhand modisches Zubehör wie Gürtel, Hosenträger, warme Socken und … Damenunterwäsche! Diese allerdings in erster Linie für die örtliche Zielgruppe: die treue und zuverlässige Bleyle-Kundin. Doch für besondere Anlässe gibt es auch ein spezielles Angebot mit etwas gewagteren Modellen und luxuriöserer Optik. Es sind nicht immer die Kassenschlager der Saison, gehören aber in das gehobene Sortiment im Laden Bindbeutel, um dann leider häufig zu herabgesetzten Preisen im Schlussverkauf zu landen. Und genau das sollte mir zum Verhängnis werden.
So erlebe ich am Tag vor Ferienende den Schock meines gerade zehnjährigen Lebens.
Wie angewurzelt bleibe ich vor dem Schaufenster stehen, in dem besagte Artikel angeboten werden. Magisch wird mein Blick von einem offenen Karton aus Goldpapier mit der schwarzen Aufschrift »Dernier cri« angezogen. Das kann nur aus Paris kommen. Ein Hauch der großen Welt. Und das Ganze zu einem Schleuderpreis, den sogar ich – wenn auch nur knapp – bezahlen kann.
Rote Seide mit schwarzer Spitze liegt schön drapiert im edlen Karton. Mein Herz schlägt höher, doch reiße ich mich zusammen und betrete mutig den Laden, um diese Entdeckung genauer betrachten zu können. Zunächst ist man etwas erstaunt über den ungewöhnlichen Kunden mit Interesse an ausgefallener Damenunterwäsche. Eine ländliche Aushilfskraft ist leicht überfordert und kann mich beim besten Willen nicht in ihre übliche Klientel einordnen. Etwas geniert holt sie trotzdem das Ob jekt meiner Begierde aus seiner Verpackung. Als Erstes ist da ein kleines rotes Höschen, dezent mit schwarzer Spitze verarbeitet. Das dazu passende Oberteil, dessen tiefer Ausschnitt ebenfalls suggestiv mit schwarzer Spitze garniert ist, wirkt auf mich sehr edel und sehr teuer. Ein wahres Kunstwerk! Außerdem ist das Ensemble mit einem vielversprechenden Anhänger als Garantie für höchste Ansprüche versehen: »100 % Trevira!«
Ich bin fasziniert. Dieses Hemd und dieses Höschen scheinen mir das ideale Mitbringsel zu sein, wenn auch nicht direkt aus der Modemetropole Paris, so doch aus Hundelshausen. Selig verlasse ich den Laden mit meiner Kostbarkeit unter dem Arm und kann nunmehr die Ankunft in Bremen kaum noch erwarten. Dieses Geschenk sollte alles Herkömmliche absolut in den Schatten stellen.
Wie langweilig kommen mir plötzlich die mit Liebe ausgesuchten Taschentücher zum Muttertag vor, wie altmodisch die obligatorische festlich verpackte Tosca-Seife von 4711 zum Geburtstag und wie phantasielos die bunten Papierservietten mit musizierenden Posaunenengeln zu Weihnachten. Nein, dieses Geschenk ist für mich ein nicht zu überbietender Knüller. Im Geiste stelle ich mir schon die Szene vor, in der meine Mutter ihr geheimnisvolles Präsent auspackt. Denn sicher rechnet sie, wie ursprünglich von mir vorgesehen, mit einer schmackhaften Delikatesse aus der Schlachterei. Wie wird sie überrascht sein!
Die von mir geplante Zeremonie beginnt bei meiner Rückkehr aus den Ferien bereits auf dem Bremer Bahnsteig. Natürlich habe ich Lampenfieber wie vor einer Premiere, registriere aber sofort mit großer Genugtuung den erstaunten Blick meiner Eltern, als sie ein rätselhaftes Paket in meinen Händen entdecken, das ich wie eine Reliquie mit besonderer Pietät vor mir hertrage. Ihre neugierige Frage, ob es sich dabei vielleicht um eine kühl verpackte Schlachtplatte handelt, beantworte ich mit einem Kopfschütteln. Meine Inszenierung scheint zu funktionieren, denn die Spannung bei den Eltern macht sich spürbar bemerkbar, und ich genieße die Vorfreude auf den Augenblick, in dem sich der Vorhang hebt. Ich finde mich selber fabelhaft.
Eine festlich gedeckte Kaffeetafel erwartet mich im schattigen Garten, und ich bin glücklich, als ich Mutters frischgebackenen Zwetschgenkuchen mit reichlich Sahneersatz auf dem Gartentisch entdecke. Zu meiner großen Freude ist auch meine Großmutter eingeladen. Der einzige falsche Ton in der harmonischen Runde ist mein älterer Bruder, der überhaupt keinen Sinn für das Ausgefallene oder Ungewöhnliche hat. Somit könnte er aus Enttäuschung schnell die Rolle des Störenfrieds übernehmen, wenn er dahinterkommt, dass sein Heißhunger auf die zu erwartenden handgemachten Wurstwaren heute nicht gestillt wird.
Dann ist es so weit. Ich übernehme die Rolle des Zeremonienmeisters und überreiche meiner Mutter das mysteriöse Geschenk. Vorsichtig wird die erste Verpackung entfernt. Alle sind gespannt, was da wohl zutage kommt. Zuerst erscheint das vielversprechende Etikett »Für höchste Ansprüche bei besonderen Anlässen«. Das hört sich schon einmal gut an. Sicher eine kulinarische Delikatesse für verwöhnte Feinschmecker. Meinem Bruder läuft bereits das Wasser im Mund zusammen.
Doch das Goldpapier mit schwarzer Aufschrift Dernier cri lässt ihn nichts Gutes ahnen.
Behutsam zieht meine Mutter das rot-schwarze Gebilde aus seiner Verpackung und hält es in die Höhe. Die Überraschung ist vollkommen. Sprachlos wird meine tolle Kreation aus Hundelshausen von den Anwesenden beäugt. In der nun folgenden Stille wird mir plötzlich mulmig zumute, und ich merke, dass alle angestrengt nach einer angemessenen Reaktion suchen. Sogar dem Hund ist das Wedeln vergangen. Fasziniert starrt er auf das rote Ding in den Händen meiner Mutter. Auch er hatte sich auf etwas Schmackhaftes gespitzt.
Natürlich meldet sich mein frustrierter Bruder als Erster zu Wort, er findet das alles »total blöd«. Herablassend verkündet er, dass ich in den Ferien wohl noch debiler geworden bin, als ich sowieso schon war. Meine Großmutter findet als Zweite zur Sprache zurück und äußert die Frage, wie wohl ihre Schwiegertochter in solch einem gewagten Outfit aussieht. Mein Vater wiederum ist vollkommen perplex in Anbetracht dieser surrealistischen Szenerie und des ausgefallenen Interessengebiets
seines Jüngsten. Nach langem Schweigen bemerkt er endlich, dass, wenn schon keine Blutwurst, ihm ein Merian-Heft über die Schönheiten des Werratals oder ein handgeschnitzter Brieföffner von dort lieber gewesen wären als diese Kunstfasertextilien aus Hundelshausen.
Ich bin den Tränen nahe. Wie ein Häufchen Elend sitze ich vor meinem sonst so geliebten Zwetschgenkuchen, der mir heute bei weitem nicht so schmeckt wie sonst. Er bleibt mir eher wie ein Kloß im Hals stecken. Nur die Anwesenheit meines Bruders hält mich davon ab, in Tränen auszubrechen. Den Gefallen will ich ihm nicht tun.
Auch meine Mutter hat vor Rührung feuchte Augen. Liebevoll nimmt sie ihren Kleinen in die Arme und findet die richtigen Worte, um mich zu trösten. Doch richtig glücklich werde ich erst wieder, als sie mir zur allgemeinen Verblüffung vor allen Anwesenden erklärt, wie sehr sie sich über mein Geschenk freut und dass dieses Kleinod einen Ehrenplatz in ihrer bisher eher dezenten Garderobe einnehmen wird.
Meine spätere, im Augenblick mir noch unbewusste Devise: »Tue etwas, was andere nicht tun«, erweist sich dank dieser offiziellen Anerkennung zum ersten Mal als erfolgreich. Ich bin erleichtert, glücklich und getröstet. Der goldene Karton bleibt jedoch weiterhin edel verpackt im Wäscheschrank meiner Mutter und wartet somit geduldig auf eine besondere Gelegenheit mit höchsten Ansprüchen. 

Diese Episode hat mir zwei Dinge frühzeitig beigebracht: Erstens: Mein modischer Geschmack bedurfte einer strengen fachmännischen Korrektur. Und zweitens ist die Kombination von roter Seide mit schwarzer Spitze eine heikle Sache.

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Gast im Glück

Mit Zeichnungen von Sempé

 

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Yorn wurde als Jürgen Michaelsen 1935 in Bremen geboren und, noch blutjung, in Paris von Christian Dior als Assistent engagiert. Dieser gab ihm den Namen ›Yorn‹, weil er für Franzosen leichter auszusprechen ist. Seither firmiert er unter diesem Künstlernamen. Nach Lehrjahren bei Christian Dior und Madame Grès gründete er bald sein eigenes Label. Kurz darauf eroberten seine Entwürfe den deutschen Markt. Yorn lebt heute in Paris, der Provence und Monte Carlo.