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Andrej Kurkow im Gespräch über seinen Roman ›Graue Bienen‹

In Graue Bienen erzählt Andrej Kurkow vom Leben eines Bienenzüchters im russisch-ukrainischen Grenz- und Kriegsgebiet. Er überlebt nach dem Motto: Nichts hören, nichts sehen – sich raushalten. Ihn interessiert nur das Wohlergehen seiner Bienen. 

Wir haben uns mit dem Autor über seinen Roman und die politische Lage in der Ukraine unterhalten.

Foto: Regine Mosimann / © Diogenes Verlag

Die Menschen in der Ukraine haben den bisherigen Staatschef Petro Poroschenko abgewählt. Könnte nach diesem Regierungswechsel in Kiew ein Ende des Krieges tatsächlich absehbar werden? 

Andrej Kurkow: Das Kriegsende hängt nicht von einem ukrainischen Präsidenten ab. Weder vom alten noch vom neuen. Der Krieg, seine Eskalation oder sein Ende hängen nur vom Kreml ab. Und wenn man von dort aus nicht entscheidet, den Krieg zu beenden, hilft kein Minsk- oder Normandie-Format. Viele Wähler glaubten Selenskyj, der versprach, den Krieg schnell zu beenden, wenn er zum Präsidenten gewählt würde. Vor der Wahl sagte er sogar in einem Interview, dass er bereit sei, dafür vor Putin niederzuknien. Jetzt ist er der Präsident. Der Waffenstillstand, den er mit den Separatisten in Minsk vereinbart hatte, dauerte 17 Tage und endete mit der Erschießung von 4 ukrainischen Soldaten. Jetzt erklären seine Leute bereits, dass Selenskyj selbst den Krieg nicht beenden kann. Das war mir von Anfang an klar. 

Was halten Sie persönlich vom Politneuling und gewählten Präsidenten Wolodymyr Selenskyj?

Ich verfolge Selenskyj seit dem 31. Dezember 2018, als er auf dem Kanal des Oligarchen Kolomoisky im Namen des Präsidenten dem ukrainischen Volk zum neuen Jahr gratulierte. Dann wurde die Gratulation als vulgärer Witz und als Schlag des Oligarchen Kolomoisky gegen den noch amtierenden Präsidenten Poroschenko empfunden. Seitdem hat Selenskyj viel erreicht und ist in der Tat Präsident geworden. Was für ein Präsident ist er? Ganz anders und nicht nachhaltig. Entweder sagt er seltsame Dinge, dann benimmt er sich plötzlich wie der Präsident von Belarus, Lukaschenko – er brüskiert Beamte und fordert, dass sie zurücktreten. In der Außenpolitik setzt er die Richtung von Poroschenko fort, und das beruhigt mich ein wenig. Ab September, wenn das Parlament und die Selenskyj-Partei, die eine parlamentarische Mehrheit hat, ihre Arbeit aufnehmen, werden ihre Weltanschauung und ihre Pläne für die Ukraine offensichtlicher werden. 

Wie sind Sie auf das Thema »Bienen« gekommen? Haben Sie Erfahrungen mit der Imkerei?

Um diesen Roman zu schreiben, flog ich nach Litauen und lebte in der kleinen Stadt Anykščiai, wo ich beim Bürgermeister der Stadt Bienenzuchtunterricht nahm. Ich habe mich für Bienen entschieden, weil sie das auffälligste Beispiel für die Selbstorganisation des Lebens in der Natur sind. An zweiter Stelle stehen Ameisen. Bienen sind fleißig, und ihre „Gesellschaft“ ist ein Beispiel für Harmonie. Von einer solchen Harmonie können die Menschen nur träumen. Den einfachen Bauern sind Beispiele aus der Natur näher als jede Philosophie. Meine Helden des Romans sind keine Intellektuellen, deshalb ist die Natur für sie der beste Lehrer und der beste Berater in der Frage nach dem richtigen oder dem falschen Leben.

Während der Mensch Chaos und Zerstörung anrichtet, herrscht bei den Bienen klare Ordnung und undurchdringliche Weisheit, emsiges Schaffen und eine wunderbare Produktivität. Ist der Mensch böse und die Natur gut?

Bienen kennen keine Gier. Beim Menschen ist sie immer präsent, nimmt jedoch unterschiedliche Formen an: von einer schwachen Form, die das Leben einer bestimmten Person nicht beeinträchtigt, bis zu hypertrophierter geopolitischer Gier, die zu Krieg und Tod führt. Daher können wir sagen, dass ein Mensch niemals die Harmonie einer Biene erreichen wird: die Harmonie einer Biene mit der Natur und mit den anderen Bienen. 

Der Schlaf auf einem Bett aus Bienenstöcken soll Schlafprobleme lösen, der Schlaf darauf gilt dank ihres Summens, ihrer Vibrationen als besonders tief und heilsam. Haben Sie es selbst schon einmal ausprobiert? 

Ich habe immer noch nicht auf Bienenstöcken geschlafen. Aber diese Art von medizinischem Schlaf ist in der Ukraine sehr beliebt, und in jeder Region gibt es in der Nähe von Großstädten Imker, die solche Dienstleistungen anbieten. Der frühere Präsident der Ukraine, Janukowitsch, liebte es, auf Bienenstöcken zu schlafen. Daher können diese Episoden im Roman als real bezeichnet werden.

Letztlich kehren Sergej und seine Bienen doch wieder in ihr altes Dorf zurück. Denn dort ist ihr Zuhause. Auch wenn ein Ende des Krieges nicht abzusehen ist. Warum? 

Es gibt Leute, die das Haus nicht verlassen können. Mal physisch, mal psychisch. Denn ohne ein Zuhause werden sie schutzlos. Wenn sie auch während des Krieges zu Hause bleiben, gehen sie einfach in den Keller und verstecken sich dort. Sie glauben, dass das Haus sie vor allen Gefahren der Außenwelt schützen kann. Zehntausende Ukrainer blieben in ihren Häusern und Dörfern, auch als der Krieg zu ihnen kam. Und sie leben immer noch im Krieg mit dem Lärm von Bombardement und Feuergefecht, obwohl sie das Schlachtfeld verlassen konnten. Die Angst, sein Haus zu verlieren, ist manchmal stärker als die Angst, sein Leben zu verlieren.

Darf man Ihren Roman so deuten: Es geht um die universale Sinnlosigkeit des Krieges, um die universale Flüchtlingsfrage, um die Frage, wo bin ich fremd, wo ist mein Zuhause, erzählt aus der Perspektive des »kleinen Mannes«? 

Sie können den Roman als einen Roman über den Krieg schlechthin ansehen. Es ist aber auch ein Roman über die Menschlichkeit und über das Bedürfnis, immer als Mensch behandelt zu werden; und wenn es keine Menschen gibt, an denen man sich in einer schwierigen Situation ein Beispiel nehmen kann, muss man sich ein Beispiel an den Bienen nehmen. 

Es macht Sergej zufrieden, ein Leben im Einklang mit der Natur führen zu können. Teilen Sie diese Priorität? Welche sind für Sie die großen Herausforderungen unserer Zeit? Der Klimaschutz?

Die Herausforderungen sind: ein globaler Rückgang des Bildungsniveaus und damit auch der Moral. Gier nach der materiellen Welt. Aggressivität als Folge des Niedergangs von Bildung und Moral. Die Verwandlung von Politikern, von Richtern und Lehrern in Populisten, die bereit sind, alles zu versprechen, was ihnen hilft, an der Macht zu bleiben. Das Klima ist nur eines der Opfer dieser aktuellen globalen Trends. 

Das Interview mit Andrej Kurkow führte Ursula Baumhauer, August 2019 © Diogenes Verlag AG Zürich

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Andrej Kurkow, geboren 1961 in St. Petersburg, lebt seit seiner Kindheit in Kiew und schreibt in russischer Sprache. Er studierte Fremdsprachen (er spricht insgesamt elf Sprachen), war Zeitungsredakteur und während des Militärdienstes Gefängniswärter. Danach wurde er Kameramann und schrieb zahlreiche Drehbücher. Sein Roman Picknick auf dem Eis ist ein Welterfolg. Kurkow lebt als freier Schriftsteller in Kiew und arbeitet auch für Radio und Fernsehen.

Graue Bienen erschien am 1. August 2019 und ist auch als eBook erhältlich.

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