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»Er hat sowohl das eigene als auch das Leben anderer hochgeschätzt. Darin ist er mir ein Vorbild.« Erich Hackls neues Buch ›Am Seil‹

Diese Erzählung gäbe es nicht ohne das Versprechen, das Lucia Heilman sich selbst gegeben hat: den passionierten Bergsteiger Reinhold Duschka (1900–1993) zu würdigen, der sie und ihre Mutter vor der Deportation in ein nazideutsches Vernichtungslager bewahrt hat. Auf Lucias Erinnerungen gestützt, spannt Erich Hackl einen weiten Bogen bis in die Gegenwart – in ein Europa, in dem mehr denn je Zivilcourage gefragt ist.

Lucia Heilman bei Reinhold Duschka, ca. 1940. Foto: Privatbesitz Dr. Lucia Heilman

Herr Hackl, wie würden Sie Ihren Erzählstil beschreiben? Wie kommen Sie auf Ihre Geschichten, und aus welcher Perspektive schreiben Sie?
Erich Hackl: Den eigenen Stil zu beschreiben ist für einen Schriftsteller eigentlich ungehörig – das ist Sache des Kritikers, der Kritikerin, der oder die weiterhin die wichtige Funktion zwischen Autor und Leserin ausüben soll. Aber ich glaube, mir in diesem Zusammenhang nichts anzumaßen, wenn ich mein literarisches Verfahren als chronikal beschreibe, entsprechend der Tatsache, dass ich reale Fälle aufgreife und deshalb nicht oder kaum was erfinden darf.

Wie gehen Sie vor, wie ist Ihre Arbeitsweise?
Recherchieren, dann auf Grundlage des gefundenen Materials nach einer Struktur suchen. Meistens verwischen sich allerdings diese beiden Schritte, und ich bin auch während des Schreibens noch gezwungen, weiterzurecherchieren, meine InformantInnen noch einmal zu befragen.

Auch Am Seil ist also eine Erzählung nach einer wahren Begebenheit. Durch die Anfrage von Elfie Fleck, ob ich diese Geschichte nicht aufschreiben möchte. Frau Fleck war mit Lucia Heilman gut bekannt, weil ihr Vater nach 1945 bei Reinhold Duschka in dessen Werkstatt gearbeitet hatte. Ich hatte von diesem Fall schon gehört, kannte die Details nicht. Und der Stoff als solcher interessierte mich, ich wollte gern mehr erfahren, und so setzten Frau Heilman und ich uns zusammen, und ich fing an, sie auszufragen.

 

Wer ist Reinhold Duschka, und was hat er im Leben »geleistet«?
Kunsthandwerker, der während der Zeit der Naziherrschaft in seiner Werkstatt vier Jahre lang die Jüdin Regina Steinig und deren Tochter Lucia versteckt hat. Die drei kannten sich schon vorher, seit Jahren.

Die zentrale Figur, Reinhold Duschka, ist leidenschaftlicher Bergsteiger. Welche Rolle spielt das Ethos des Bergsteigers für diese Erzählung?
Vertrauen und Verantwortung, zwei Grundvoraussetzungen für das Gehen »am Seil«, beim Bergsteigen. Beide Eigenschaften, oder Tugenden, waren auch notwendig für das Gelingen von Duschkas Vorhaben.

Somit hat der Titel Am Seil. Eine Heldengeschichte mit dem Ethos des Bergsteigens zu tun, aber vermutlich nicht nur. Geht es noch um eine andere Form der Verbundenheit?
Die Zusammengehörigkeit, für einen bestimmten Zeitraum, so lange eben die Bergtour oder – wie im Fall dieser Geschichte – die durch die Naziherrschaft erzwungene Zweckgemeinschaft andauert.

 

 

Sie neigen nicht dazu, Ihre Personen zu idealisieren. Das Beeindruckende ist, dass Sie sie immer mit all ihren Unzulänglichkeiten und Schwächen, aber auch in ihrer ganzen Authentizität darstellen. Wie ist da der Untertitel Eine Heldengeschichte zu verstehen?
Für Lucia Heilman war und ist Reinhold ein Held. Ich sehe keinen Grund, ihr nicht zuzustimmen. Das geht etwas gegen den Zeitgeist, der Heldenmut oder Heldentum aufgrund der ironischen Relativierung von jedem und allem als verdächtig ansieht.

Das Besondere an dieser Erzählung ist, dass sie eine Art Happy End hat – die Geretteten überleben und dürfen ein »normales« Leben wiederaufnehmen. Darf man behaupten, dass der positive Ausgang dieser Überlebensgeschichte Ihnen auch mehr Heiterkeit und Leichtigkeit gestattet hat, vor allem, was die Schilderung der männlichen Charaktere anging?
Da bin ich überfragt. Dieses Buch gehört meiner Mutter hatte ja auch seine heiteren Passagen. Wenn, dann würde ich vermuten, ist diese Heiterkeit einfach der Quellenlage geschuldet – also dem, was ich von Lucia Heilman, dann auch von Leo Graf (das war Duschkas Mitarbeiter) und speziell von Duschkas Enkel Gerald Janous erzählt bekommen habe.

Was verstehen Sie unter »intelligentem Widerstand«?
Der Begriff kam vom Enkel, von Gerald Janous. Er meinte einen, der auf das Ausmaß des Terrors abgestimmt war: nicht tollkühn, sondern bedächtig. Nicht nur fremde Leben retten, sondern nach Möglichkeit auch die eigene Haut. Das Risiko möglichst gering halten, auch dank besonderer Eigenschaften, deren wichtigste die ist, schweigsam und bescheiden zu sein.

Erich Hackl. Foto: Maurice Haas / © Diogenes Verlag

Sehen Sie in dieser Geschichte eine aktuelle Bedeutung oder gar eine Botschaft?

Es genügt wohl der Hinweis auf die Gefahr, in der sich viele Flüchtlinge weltweit und speziell in Europa befinden. Abschiebung in Herkunftsländer, in denen sie verfolgt werden, erfordert ein Handeln im Sinne Duschkas. Darüber hinaus könnte die Geschichte ein unterschwelliger Appell für Handeln, Treue, Nichtwegschauen sein.

 

Das Interview mit Erich Hackl führten Ursula Baumhauer und Kerstin Beaujean, Mai 2018; © by Diogenes Verlag AG Zürich.

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Erich Hackl, geboren 1954 in Steyr, hat Germanistik und Hispanistik studiert und einige Jahre lang als Lehrer und Lektor gearbeitet. Seit langem lebt er als freier Schriftsteller in Wien und Madrid. Seinen Erzählungen, die in 25 Sprachen übersetzt wurden, liegen authentische Fälle zugrunde. Auroras Anlaß und Abschied von Sidonie sind Schullektüre. Unter anderem wurde er 2017 mit dem Menschenrechtspreis des Landes Oberösterreich ausgezeichnet.

Am Seil. Eine Heldengeschichte ist am 25.7.2018 erschienen, auch als ebook.