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Martina Borger und Ingrid Noll über das Älterwerden (Teil 2)

Ein Briefwechsel in zwei Teilen zwischen Martina Borger (Wir holen alles nach) und Ingrid Noll (In Liebe Dein Karl) über das Älterwerden.

Foto via pixabay

Liebe Ingrid,

an meiner Lesebrille ärgert mich, dass sie sich nie dort befindet, wo ich sie vermute, die grauen Haare werden – ich gestehe – weggetönt!

Aber um auf Deine Frage am Ende zu kommen: Elternabende fand ich eigentlich oft ganz lustig, man konnte sich da trefflich streiten und außerdem ganz wunderbare Charakterstudien betreiben, vor allem bei den wenigen anwesenden Männern, die sich ordentlich aufgeblasen haben, das große Wort führten und sich gerne zum Elternsprecher wählen ließen. Notwendige Arbeiten konnten sie dann allerdings leider nicht mit übernehmen, zwecks Arbeitsüberlastung, Du verstehst. 

Vor Liebeskummer heulen? Das möchte ich tatsächlich noch. Nicht dass ich schrecklich gerne weine – man kriegt Kopfschmerzen davon und sieht einfach furchtbar aus –, aber sich überhaupt zu verlieben, von diesen großen Gefühlen überwältigt zu werden, die einen spüren lassen, dass man lebt, auch und gerade weil es so weh tut - das wünsche ich mir durchaus noch. Denn gewisse Emotionen verschwinden ja nicht einfach mit dem Älterwerden, sondern bleiben so intensiv wie bei den ganz Jungen. Ich jedenfalls fühle mich innerlich eher wie 25 als 60 – geht Dir das nicht auch so?

Herzliche Grüße

Martina

Foto: Maurice Haas / © Diogenes Verlag

Liebe Martina,

Du bist viel ehrlicher als ich: Natürlich möchte ich mich gern wieder jung fühlen! Vor allem deswegen, weil vieles im erhöhten Alter nicht mehr möglich ist. Ich habe mir zum Beispiel abenteuerliche Reisen gewünscht, die ich jetzt nicht mehr nachholen kann. Jeder Mensch trauert beim Abschiednehmen, man sollte sich auch Zeit für diese Phase nehmen und sie nicht verdrängen, aber irgendwann nicht nur das halbgefüllte Glas anstarren.

Wenn man sich an „himmelhoch jauchzende“ Zeiten erinnert, dann vergisst man schnell die „zu Tode betrübte“ Kehrseite, nämlich all die Krisen, Ängste und Dramen, die in jenen Zeitraum gehörten. Ich versuche zumindest, nicht bloß den Verlust zu beklagen, sondern mich über das zu freuen, was mir geblieben ist.

Jetzt predige ich gerade wie eine abgeklärte Greisin, die mit trivialer Küchenpsychologie auf einen lahmen Gaul eindrischt – entschuldige! Ich will es mal auf den Punkt bringen: Es gibt auch größere Freiheiten, die das Alter mit sich bringt – man muss auf manche Konventionen keine Rücksicht mehr nehmen und darf getrost einen interessanten fremden Mann in der Eisenbahn ansprechen. Willst Du es nicht mal versuchen?

Herzliche Grüße von der abgeklärten Ingrid

Foto: Renate Barth / © Diogenes Verlag

 

 


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Martina Borger, 1956 geboren, arbeitete als Journalistin, Dramaturgin und Filmkritikerin, bevor sie sich aufs Drehbuchschreiben verlegte. Sie hat bei mehreren Serien als Storylinerin und Chefautorin gearbeitet. Gemeinsam mit Maria Elisabeth Straub veröffentlichte sie zwischen 2001 und 2009 Romane unter dem Label ›Borger & Straub‹. Ohne Co-Autorin erschien 2007 ihr Roman ›Lieber Luca‹. Martina Borger lebt in München.

Ingrid Noll, geboren 1935 in Shanghai, studierte in Bonn Germanistik und Kunstgeschichte. Sie ist Mutter dreier erwachsener Kinder und vierfache Großmutter. Nachdem die Kinder das Haus verlassen hatten, begann sie Kriminalgeschichten zu schreiben, die allesamt zu Bestsellern wurden. 2005 erhielt sie den Friedrich-Glauser-Ehrenpreis der Autoren für ihr Gesamtwerk.