Filter

  • Neuste Beiträge
  • Archiv
  • Monat
  • Foto/ Video/ Audio

Denken lernen mit Dürrenmatt

Seine Stücke erleben auf den internationalen Bühnen eine Renaissance, seine Werke sind Pflichtstoff in den Schulen, im Kino läuft gerade »Dürrenmatt - eine Liebesgeschichte«, womit dem Denker, Schriftsteller und Maler ein filmisches Denkmal gesetzt wird, und kürzlich feierte das Musical »The Visit« am Broadway in New York Premiere. Kurz vor seinem 25. Todestag bleibt der große Schweizer Autor Friedrich Dürrenmatt ungebrochen aktuell. Warum sich die Auseinandersetzung mit ihm auch heute noch für junge Leser lohnt, beschreibt unser Gastbeitrag von Natalia Kurth (24).

Foto: © Edouard Rieben

Von Natalia Kurth

Plötzlich war er da, dieser Dürrenmatt. Ich weiß gar nicht mehr, ob ich ihn das erste Mal in der Schule gelesen habe oder einfach so. Jedenfalls war da dieser Band mit den Hörspielen aus der Bibliothek des Gymnasiums, der hatte es mir so richtig angetan, diese satirischen Hörspiele, diese irgendwie absurden, absolut bissigen Geschichten, die es einem um die Ohren haute beim Lesen. Ich konnte gar nicht aufhören, es tat schon fast weh, diese brutale Ehrlichkeit, wie der Mensch tickt, wie die Gesellschaft tickt. Einfach genial. Ich wusste, das will ich auf die Bühne bringen.

Wir waren damals eine ziemlich motivierte Gruppe im Theaterfreikurs, die waren für so was zu haben, und so inszenierten wir drei Hörspiele, ein schöner Dürrenmatt-Abend wurde das. Meine Gruppe machte den Prozess um des Esels Schatten, wir mussten einiges streichen, damit es nicht zu lange wurde, mussten uns sehr mit dem Text auseinandersetzen. Wie dieser Eseltreiber Geld für den Schatten seines Esels will, völlig absurd, und wie er und der Zahnarzt sich dann einen riesigen Prozess liefern, wie sich zwei Parteien bilden, die sich bekriegen, mit denselben Methoden, mit denselben abgedroschenen Phrasen. Man fühlt sich wie im Polit-Talk oder wie in der Werbesendung, jeden Mist kann man verkaufen, wenn man nur weiß, wie man die Worte geschickt wählt und wer mit wem zu reden hat, um die entsprechende Lobby aufzubauen. Wir fanden so viele Parallelen zur heutigen Gesellschaft, fanden es unglaublich, wie ein Dürrenmatt vor fünfzig, sechzig Jahren Strukturen beschrieb und karikierte, wie sie heute immer noch bestehen und genau gleich funktionieren.

Als junger Mensch ist es unheimlich wertvoll, sich mit Dürrenmatt auseinanderzusetzen. Man hinterfragt, man zweifelt, man weiß nicht, wieso die Gesellschaft eigentlich so funktioniert, wie sie es eben tut, man versteht nicht, weshalb die Menschen so sind, wie sie es eben sind – weshalb sie lügen, wie sie lieben, wovon sie träumen, was sie erreichen wollen. Dürrenmatt liefert keine fertigen Antworten. Er stellt die richtigen Fragen, indem er beschreibt, wie die Leute sich in den widrigsten Situationen verhalten. 

Heute, ein paar Jahre später, ist es immer noch das, was ich an Dürrenmatt am meisten schätze. Er ist zeitlos – einerseits, weil seine Beobachtungen das Wesen des Menschen an sich betreffen und grundphilosophische Fragen stellen, und andererseits, weil seine Beschreibungen der Gesellschaft und auch der Schweiz uns einfach zeigen, dass wir uns auch über fünfzig Jahre später in vielen Dingen immer noch mit denselben Problemen herumschlagen.

Der Besuch der alten Dame
Kaufen

Kaufen bei

  • amazon
  • bider und tanner
  • buchhaus.ch
  • dussmann.de
  • ebook.de
  • facultas.at
  • genialokal.de
  • HEYN.at
  • hugendubel.de
  • kunfermann.ch
  • lchoice (nur DE/AT)
  • mayersche.de
  • orellfuessli.ch
  • osiander.de
  • thalia.at
  • thalia.de

Letzthin habe ich eine wunderbare Inszenierung vom Besuch der alten Dame gesehen, bei der mir all diese Dinge wieder bewusst wurden. Man stelle sich vor: Eine verarmte Kleinstadt soll die unglaubliche Summe von einer Milliarde Franken erhalten, wenn sie einen ihrer Mitbürger tötet. Natürlich empört man sich und lehnt das Angebot ab – um sich dann gleich am nächsten Tag neue gelbe Schuhe auf Kredit zu kaufen. Irgendeiner wird sich schon finden, der geldgierig genug ist, die Tat zu vollbringen. Das kann man ohnehin nicht ändern, ist nun mal so. Und mal ganz ehrlich – eine Milliarde, mit der sich die ganze Stadt und ihre Bürger neu aufstellen könnten – ist es da nicht fast schon unanständig, wenn der arme Tropf sich nicht freiwillig opfert? Ist es gerechtfertigt, einen einzelnen Menschen zu opfern, um eine viel größere Gruppe von Menschen zu retten? 
Wenn man so zu argumentieren beginnt, hat man schnell einmal eine eigentlich moralisch sehr eindeutig zu beantwortende Frage auf eine ziemlich philosophische Ebene gehoben. 

So ähnlich funktionieren verschiedene Konflikte, mit denen wir im Alltag konfrontiert sind. Ist es beispielsweise gerechtfertigt, Waffen in Länder zu verkaufen, in denen Krieg herrscht? Der moralisch denkende Mensch wird dies erst mal verneinen. Doch wenn er an die Verluste denkt, die durch den Verzicht zu verzeichnen sind, überlegt es sich vielleicht noch mal – und argumentiert mit der hiesigen Wirtschaft und den Arbeitsplätzen. Und wenn wir die Waffen nicht liefern, liefert sie schließlich ein anderer. Oder die Frage des Umweltschutzes: Was nützt es, Strom und Wasser zu sparen, wenn riesige Nationen wie China und die USA sich keinen Deut um ihren CO2-Ausstoß kümmern? Lohnt es sich überhaupt, sich korrekt zu verhalten, wenn das Ergebnis des korrekten Verhaltens einiger Menschen die Ignoranz des Rests nicht aufwiegen kann? 

Moral und Ethik erscheinen ganz klar und eindeutig, wenn man sie auf eindeutige Situationen bezieht: Ja, es ist inakzeptabel, einen Menschen zu töten; ja, es ist unmoralisch, Waffen in Kriegsgebiete zu verkaufen; ja, es ist wichtig, die Umwelt zu schonen. Doch leben wir in einer Welt, in der die Umstände alles schwieriger machen und in der solche Grundsätze plötzlich zum Wohle eines Größeren aufgeweicht werden. Heiligt der Zweck denn alle Mittel?

Dürrenmatts oft parabelartige Geschichten beschreiben also die Mechanismen, mit denen die Gesellschaft sich Ethik und Moral zurechtbiegt. Er bezieht dabei selbst keine eindeutige Position. Er hilft uns beim und lehrt uns das Denken, die Antworten müssen wir allerdings selbst suchen. Es gibt wenige Autoren, die so tiefgründige Literatur in einer so vergnüglichen Lektüre zu verpacken wissen und dabei noch so viele verschiedene Genres bedienen – von Hörspiel über Tragikomödie über Erzählung zum Kriminalroman ist vieles dabei. Zahlreiche tolle Verfilmungen basieren auf seinen Werken, und auch die Theater schätzen es, an den altbekannten Stoffen neue Spielweisen zu erproben. Wir können uns glücklich schätzen, dass Friedrich Dürrenmatt uns ein so umfang- wie abwechslungsreiches Werk hinterlassen hat, dem jeder etwas entnehmen kann – ganz ohne Lektüreschlüssel.

Manchmal stöbere ich durch die Buchhandlung und bin völlig überfordert ob der Flut der Neuerscheinungen, kann einfach nicht mehr beurteilen, was denn nun lesenswert ist und was nicht. Da bin ich immer sehr glücklich, wenn ich einfach mal wieder zu Dürrenmatt greifen kann – Unterhaltung auf höchstem Niveau garantiert.

 

Friedrich Dürrenmatt wurde 1921 in Konolfingen bei Bern als Sohn eines Pfarrers geboren. Er studierte Philosophie in Bern und Zürich und lebte als Dramatiker, Erzähler, Essayist, Zeichner und Maler in Neuchâtel. Bekannt wurde er mit seinen Kriminalromanen und Erzählungen Der Richter und sein HenkerDer VerdachtDie Panne und Das Versprechen, weltberühmt mit den Komödien Der Besuch der alten Dame und Die Physiker. Den Abschluss seines umfassenden Werks schuf er mit den Stoffen, worin er Autobiographisches mit Essayistischem verband. Friedrich Dürrenmatt starb am 14. Dezember 1990 in Neuchâtel.

Am 25.11.2015 erscheinen alle seine Stücke in einem BandDer Besuch der alten Dame und Die Physiker werden mit neuem Cover und auch als Hörspiele herausgebracht.