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»Ich musste eine Rolle spielen, und ich lernte sie, während ich sie spielte.«

Mit elf Jahren ist Anna von Planta zum ersten Mal dem Namen Friedrich Dürrenmatt begegnet, als der neue Kodirektor des Basler Schauspielhauses öffentlich gegen den Einmarsch der russischen Truppen in die damalige Tschechoslowakei demonstrierte. Sechzehn Jahre später wurde sie seine persönliche Lektorin und blieb dies dann sechzehn Jahre lang bis zu seinem Tod. Am meisten beeindruckt haben sie sein riesiger Schreibtisch und seine halsbrecherischen Autofahrten.

<p>Foto: © Edouard Rieben</p><br/>

Anna von Planta im Gespräch mit Oliver Prange

Frau von Planta, wie haben Sie Dürrenmatt kennengelernt?

Zuerst war er für mich nur ein Name inmitten eines hochspannenden und nebulösen Konglomerats neuer Themen und Welten, zu denen ich noch keinen Zugang hatte, aber so bald wie möglich haben wollte. Sein Name fiel irgendwann zwischen Frühling und Sommer 1968 in Basel am Barfüßerplatz. Dort stand das Gymnasium, auf das ich, elfjährig, seit wenigen Monaten ging und vor dessen Eingang die älteren Mitschüler wissend und ernst riesige CSSR-Fahnen gegen den Einmarsch der Warschauer Truppen in Prag schwenkten, von dem mir die Eltern verstört berichtet hatten. Dort stand aber auch das alte Theater, an dem ein neuer Kodirektor, ein Berner Schriftsteller namens Friedrich Dürrenmatt, Protestveranstaltungen organisierte und eine Rede hielt, von der die Maturanden über meine damaligen ein Meter vierzig hinweg so verschwörerisch miteinander diskutierten, dass ich zu spät zur Schule kam. 

Drei Jahre später, mit vierzehn, bekamen wir eine »Frischianerin« als Deutschlehrerin. Mit ihr lasen wir Andorra und Stiller, von Dürrenmatt dagegen nur auszugsweise Die Physiker im Zusammenhang mit anderen Texten zur Atomwaffenfrage. Ich aber wollte unbedingt mehr von diesem ersten modernen Schriftsteller lesen, der so dramatisch meinen Schulweg gekreuzt hatte, egal was. In der Bibliothek meiner Eltern fand ich eine zerlesene Rororo-Taschenbuchausgabe von Der Richter und sein Henker, den ich wie die zwei anderen Krimis von ihm verschlang, sowie die Erzählung Die Panne. Auf die Idee, dass ich auch seine Theaterstücke lesen könnte, kam ich damals noch nicht.

Die Kriminalromane

Wann und wie war die erste persönliche Begegnung?

1983, am 26. Oktober, bei einer Lesung von jungen Diogenes-Autoren im Zürcher Zunfthaus Zur Meisen. Wenige Tage zuvor war die Uraufführung von Dürrenmatts Stück Achterloo im Schauspielhaus gewesen. Ich war noch gar nicht im Verlag, wusste aber, dass ich ab Januar 1984 dort als Lektorin arbeiten würde. Diogenes-Verleger Daniel Keel, mein künftiger Chef, hatte mich eingeladen, ich kannte außer ihn niemanden persönlich, nur viele Texte der anwesenden Autoren, vor allem von Dürrenmatt. Als mich der Verleger nach der Lesung zu einem Absacker mit Dürrenmatt in eine Bar einlud, wäre ich vor Ehrfurcht am liebsten in Grund und Boden versunken. Zum Glück hatte Dürrenmatt eine Freundin mitgebracht, die er erst kürzlich kennengelernt hatte: Charlotte Kerr bombardierte ihn mit Fragen zur Achterloo-Aufführung.

Richtig kennengelernt habe ich ihn dann ein Jahr später, als Daniel Keel mir Dürrenmatts Manuskript Minotaurus in die Hand drückte und mich, als wäre dies das Selbstverständlichste der Welt, aufforderte, den Autor am Tag darauf im Hotel Europe zu treffen. Minotaurus, ein Prosagedicht mit eigenen Zeichnungen – sowas Grandioses hatte ich noch nie gesehen. Zum Glück liebte ich schon als kleines Kind die Sagen des klassischen Altertums von Schwab über alles. Als ich dann am nächsten Spätnachmittag die Hotelhalle des Europe betrat – sie war damals sehr dunkel –, wirkte sie wie ausgestorben. Bis sich ganz weit hinten ein wuchtiger Schatten erhob und mir eine erstaunlich weiche Hand entgegenstreckte.

Wie hat er auf Sie gewirkt?

Zunächst vor allem physisch: Für seine gewichtige Statur war er sehr grazil in den Bewegungen, ähnlich wie der Titelheld seines neuen Manuskripts Minotaurus, der auf Kreta einsam durch ein Spiegellabyrinth tanzt in der Hoffnung, endlich jemand anderem als sich selbst zu begegnen.

An welche besonderen Umstände erinnern Sie sich?

An seinen riesigen Schreibtisch. Darauf lagen neben den säuberlich geschichteten (wegen der mehrfach übereinander geklebten Textbausteine ganz welligen) Manuskriptstapeln immer auch halbfertige Zeichnungen, Parallelarbeiten zu seiner Schriftstellerei. Und natürlich erinnere ich mich daran, dass Dürrenmatt nach getaner gemeinsamer Arbeit immer in den Keller hinabgestiegen ist und einen Wein raufgeholt hat, und ebenso an die halsbrecherischen Autofahrten, wenn er mich anschließend, sämtliche Kurven schneidend, netterweise den Berg hinunter zum Bahnhof nach Neuchâtel gefahren hat.

Was haben Sie lektoriert?

Ab Herbst 1984 alles bis zu Dürrenmatts Tod am 14. Dezember 1990: MinotaurusJustizDer AuftragRollenspiele (mit Dürrenmatt und Charlotte Kerr) sowie Achterloo III und IVDurcheinandertal; den zweiten Band der Stoffe,Turmbau, und die leider dann erst postum erschienenen Midas und Gedankenfuge. Wie so viele andere Menschen rief er auch mich am 13. Dezember noch an, weil wir für den nächsten Tag verabredet waren, er aber aufgrund eines Logierbesuchs verhindert war. 

Minotaurus / Der Auftrag / Midas
Justiz
Der Auftrag
Rollenspiele
Achterloo I / Rollenspiele / Achterloo IV
Durcheinandertal
Gedankenfuge

Seit Dürrenmatts Tod betreue ich, oft in enger Zusammenarbeit mit Ulrich Weber vom Schweizerischen Literaturarchiv, seinen Nachlass und bin von Fall zu Fall (Mit-)Herausgeberin der daraus oder über ihn erscheinenden Werke.

Wie hat Dürrenmatt auf Ihr Lektorat reagiert?

Wie alle ganz großen Autoren immer sehr dankbar. Lektor eines solchen Schriftstellers zu werden, hat natürlich zunächst einmal etwas Einschüchterndes und Ehrfurchtgebietendes, trotzdem suchte er von Anfang an Einspruch, keine Jasagerin. Ich musste eine Rolle spielen, und ich lernte sie, während ich sie spielte. Dürrenmatt hatte gleichzeitig auch wichtige kritische Gesprächspartner in den Personen von Verleger Daniel Keel, des Kritikers und Herausgebers Heinz Ludwig Arnold, seines Freundes Marc Eichelberg (insbesondere bei naturwissenschaftlichen und philosophischen Texten) und natürlich seiner zweiten Frau, Charlotte Kerr. 

Obwohl ich zu Beginn unserer Zusammenarbeit erst Mitte zwanzig und noch ziemlich unerfahren war, ließ er mich das nie spüren, sondern behandelte mich immer auf Augenhöhe. Beispielhaft waren seine Reaktionen: zuerst oft ein lautes, unwilliges »Neeeei!« und dann, nach längeren Exkursen, in denen er sein »Neeei« begründete und mir Einblick in seinen Schreibprozess und seine Abwägungen gab, ein langsames »Ihr heit rächt« (Sie haben recht), als wäre mein Einwand Teil seines eigenen Gedankengangs gewesen. Dieses »Mitnehmen« in seinen Stollen, auf den Weg vom Nein zum Ja, das hat mich geprägt und mir Mut gemacht, die Rolle sukzessive weiter auszufüllen.

Man muss sich das klarmachen: PCs gabs in den Achtzigerjahren noch keine, und als Suchfunktionen standen nur das eigene, möglichst fotografische Gedächtnis und die eigene Findigkeit im Recherchieren zur Verfügung. Was man heute als Lektor ratzfatz im Internet googelt, ehe man sich inhaltlichen Fragen zuwendet, musste damals auf dem umständlichen Weg des Papiers in Bibliotheken und auf Ämtern verifiziert werden. Verleger Daniel Keel hatte dem Autor im Frühjahr 1985 vorgeschlagen, die 1957 begonnene und dann liegengebliebene Justiz im selben Jahr zur Buchmesse als Fragment zu veröffentlichen. Dürrenmatt willigte zögernd ein, auch zu einem Vorabdruck als Fortsetzungsroman im Stern, entschied sich dann aber, noch ein Hauptkapitel zu schreiben. Schließlich begann er den ganzen Roman umzuschreiben und zu vollenden, wenn auch in einem anderen Sinn als ursprünglich geplant. Der Autor hatte vorgehabt, das Manuskript in zwei Wochen zu beenden, es wurden dann aber fast drei Monate, in denen er weiterschrieb, während der Vorabdruck bereits lief. So viele Bälle gleichzeitig in der Luft – so viele Checklisten, notgedrungen immer wieder verworfene Chronologien der Ereignisse, die tunlichst mit den im Buch so existentiellen Abläufen und Fristen im Strafverfahren übereinstimmen mussten – hatte ich in meiner über dreißigjährigen Tätigkeit als Lektorin seither selten. 

Nach dieser Feuertaufe fragte Dürrenmatt immer öfter »Wie findet Ihrs?« – zuletzt 1990 beim zweiten Band seiner Stoffe, Turmbau. »Zu essaylastig«, platzte es aus mir heraus, »Ihr erster Band (Labyrinth – Stoffe I-III) hat mehr Geschichten, ist sinnlicher.« Dürrenmatt war nicht etwa entrüstet, sondern stieg spätabends in sein Sekretariat hinab und kam mit zwei handgeschriebenen Manuskripten zurück: »Nämets mit u brichtet mir morn, obs inesöll.« (Nehmen Sie’s mit und sagen Sie mir morgen, ob es reinsoll.) Ich war begeistert, und Dürrenmatt beschloss, dass beide Texte »reinsollten«.

Labyrinth
Turmbau

Worüber hat er gelacht?

Am meisten über sich selbst.

Anekdoten?

Ich erinnere mich, wie er mich – weil er plötzlich verhindert war – allein in hochschwangerem Zustand zur Entgegennahme des Prix Alexei Tolstoï der Association internationale des écrivains de romans policiers nach Grenoble entsandte, mit dem Auftrag, mich im Profil hinzustellen und an seiner Stelle als Friedrich Dürrenmatt eine Dankesrede zu halten. Das sei ja kein Problem, Französisch könne ich ohnehin besser als er. 
Und wie er mich einmal zu seinem großen weißen Spiegelteleskop führte und ich mich schon auf einen Ausflug ins Weltall mit ihm freute, worauf er sein Instrument nicht etwa gen Himmel richtete, sondern hinab nach Neuchâtel und mir stolz berichtete, von hier aus könne er seine Lieblingsmannschaft Xamax beim Toreschießen beobachten.

 

Erstmals erschienen in DU - das Kulturmagazin Nr. 862 – Dezember 2015/Januar 2016,

 

Anna von Planta, 1957 in Basel geboren, studierte an der Universität Genf 
englische, deutsche und französische Literaturgeschichte. Nach Volontariaten 
beim S. Fischer Verlag in Frankfurt am Main und in der Joan Daves Literary 
Agency in New York kam sie 1984 als Lektorin zum Diogenes Verlag. Dort betreut sie das Gesamtwerk von Friedrich Dürrenmatt und Patricia Highsmith 
und seit deren Tod – zum Teil als (Mit-)Herausgeberin – deren Nachlass; 
außerdem unter anderen die Werke von Patrick SüskindJohn IrvingPaulo  Coelho und Georges Simenon.