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Unser neuer japanischer Autor Fuminori Nakamura über seinen Roman »Der Dieb«

In Japan hat der 1977 in Tokai geborene Nakamura inzwischen über ein Dutzend Romane veröffentlicht, die nun auch in zahlreichen anderen Ländern verlegt werden. Der Dieb ist sein erster Roman bei Diogenes – eine dunkle, abgründige Geschichte über Schicksal und Einsamkeit, schnörkellos und atemberaubend erzählt.

Foto: © Sodo Kawaguchi

Er betreibt sein Metier in den belebten Straßen Tokios und den überfüllten Wagen der U-Bahn. Er stiehlt mit kunstvollen, fließenden Bewegungen. Er nimmt nur von den Reichen, Geld bedeutet ihm nichts. Er hat eine dunkle Vergangenheit, und diese holt ihn wieder ein. Wir sprachen mit Fuminori Nakamura über seine Hauptfigur, einen Taschendieb mit Prinzipien.

Herr Nakamura, wir haben festgestellt, dass man seine Umgebung anders wahrnimmt, wenn man Ihr Buch Der Dieb gelesen hat – man sieht mit den Augen des Opfers, aber auch mit denen des Täters. Das ist faszinierend und etwas verstörend …

Auch der Dieb sieht seine Umwelt mit anderen Augen, als wir es normalerweise tun. Wenn er seinem Metier nachgeht, dürfen die Umgebung und natürlich sein Opfer nichts davon merken. Was der Dieb stets im Auge hat, ist der richtige »Moment«, die entscheidende »Lücke« in der Wahrnehmung des anderen. Dabei begleitet ihn aber die Angst, dass er selbst ein Opfer dieser »Lücke« wird und irgendwo eine für ihn unsichtbare Existenz lauert, die sein Tun beobachtet … Durch eine kleine Verschiebung in der Perspektive ändert sich die Wahrnehmung – sowohl der Protagonisten als auch der Leser. Auf diesen verwirrenden Effekt habe ich es beim Schreiben des Romans bewusst angelegt.

Erzählen Sie uns bitte: Wie und wodurch haben Sie das Handwerk des Taschendiebs so perfekt »gelernt«?

Taschendiebe haben mich, ich weiß nicht, warum, schon immer fasziniert. Irgendwann entstand die Idee, über einen Taschendieb ein Buch zu schreiben. Ich fing an, Fachliteratur zu lesen, mir konkrete Kenntnisse über historische Figuren, Techniken und Tricks anzueignen. Doch eines Tages wurde mir bewusst, das allein reicht nicht. So begann ich an einem Freund – natürlich mit seinem Einverständnis :) – selber zu üben. Das hat mir beim Schreiben der betreffenden Szenen enorm geholfen.

Sie lassen Nishimura ungemein elegant, geradezu kunstvoll stehlen. Hat Sie dabei auch eine bestimmte Ästhetik interessiert?

Auf jeden Fall! Es gibt verschiedene Arten von Schönheit. Auch im Verbotenen oder Verruchten kann Schönheit aufscheinen. Eine gefährliche Schönheit.

Das Thema Grenzüberschreitung – ist das ein grundlegendes Thema bei Ihnen?

Der Moment, wo etwas im Alltag vom Gewohnten oder Erwarteten abweicht, interessiert mich. Was da unter der Oberfläche geschieht, was jemand dabei denkt und empfindet, spielt in meinen Romanen eine wichtige Rolle.

Auch das Thema »Großstadt und Einsamkeit« scheint Sie sehr zu beschäftigen?

Wie ein Individuum mit der Umwelt kollidiert, wie es in der Welt steht und zugleich der Welt gegenübersteht – das ist ein häufig wiederkehrendes Motiv, wenn nicht gar ein grundlegendes Strukturelement.

Die Stadt steht bei mir für Chaos und Kakophonie, und weil es perfekt zu meinen Themen passt, spielen die Geschichten immer in Tokio, einem Prototyp von Großstadt.

Foto: © Moyan Brenn (CC BY 2.0) via Flickr.com

Nishimura stiehlt nur von wohlhabenden Opfern, männlich, und nur das Bargeld – ist das Programm? Ist er eine Art japanischer Robin Hood?

In der Edo-Zeit lebte ein berühmter Taschendieb namens Nezumi Kozō. Die Legende besagt, dass er Geld von reichen Händlern stahl und es an die Armen verteilte. Davon habe ich mich inspirieren lassen, aber es war nicht meine Absicht, die Figur als Ganzes zum Vorbild meines Diebes zu machen.

A. d. Ü.: Nezumi Kozō (geb. 1797, hingerichtet 1832) wird in Japan oft mit Robin Hood verglichen. Anders als die Legende es will, hat Nezumi das gestohlene Geld wahrscheinlich aber mit Glücksspiel, Huren und Alkohol verprasst. (Quelle: https://ja.wikipedia.org/wiki/鼠小僧)

Kodanji Ichikawa IV. als Nezumi Kozō in einer Kabuki-Aufführung (Januar 1857)

Haben Sie literarische Vorbilder?

Dostojewski, Camus, Kafka und viele andere.

Sind Sie ausschließlich Schriftsteller, oder haben Sie auch einen »bürgerlichen« Beruf?

Bevor ich vom Schreiben leben konnte, habe ich gejobt. In Cafés, Kneipen und 24-Stunden-Shops, aber auch als Umzugshelfer (Möbelpacker) usw. Jetzt bin ich nur noch Schriftsteller.  :)

Sie beschäftigen sich viel mit den Randfiguren der Gesellschaft. Wie kommt das?

Ich bin kein sehr fröhlicher Mensch. Da mir das Leben oft schwierig und kompliziert erscheint, empfinde ich eine gewisse Sympathie für die Menschen am Rand der Gesellschaft.

Auch der Eingriff ins Weltgeschehen scheint ein Grundthema zu sein. Inwiefern stehen Sie der Gesellschaft kritisch gegenüber?

Ich hasse Krieg. Auch den Totalitarismus, der während des Zweiten Weltkriegs das Denken und Fühlen der Japaner vergiftet hat. Ich liebe die Vielfalt von Menschen, Gedanken, Kulturen. Das ist sozusagen mein Lebensmotto.

Foto: © themonnie (CC BY-SA 2.0) via flickr.com

Würden Sie sich als politischen Autor bezeichnen?

So eindeutig oder eindimensional sehe ich mich nicht. Aber natürlich, meine politischen Ansichten äußere ich hin und wieder, weil die gegenwärtige rechtslastige Regierung eine Gefahr darstellt. Immer wieder denke ich, dass Japan von Deutschland lernen sollte, gerade was den Umgang mit Geschichte und historischer Verantwortung betrifft.

Sie schreiben in einer schnörkellosen, knappen Sprache, vermeintlich emotionslos, doch unter der Oberfläche brodelt es. Ist die Kälte eine Camouflage, ohne die diese Geschichte nicht erzählt werden könnte?

Sicher, ja. Anders wäre es mir unmöglich gewesen, die Geschichte überhaupt zu erzählen. Aber wie Sie andeuten, kommt ein Element der Modulation hinzu. Die Handlungen des Diebes werden zwar mit kühler, minimalistischer Sprache erzählt, Kizaki dagegen spricht meistens in einem Zustand großer innerer Erregung … Auf diese Weise habe ich versucht, die Wirkung zu variieren und die Spannung zu erhöhen. 

 

Aus dem Japanischen von Thomas Eggenberg.

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Der Dieb ist der erste Roman von Fuminori Nakamura bei Diogenes (erscheint am 23.9.2015, auch als E-Book). Vom Wall Street Journal wurde er als einer der 10 besten Romane des Jahres 2012 ausgezeichnet. Eine Leseprobe gibt es hier.