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Christoph Poschenrieder im Gespräch über ›Der unsichtbare Roman‹

Wer ist schuld am Ersten Weltkrieg? Im Jahr 1918 wird die Frage immer drängender. Da erhält der Bestsellerautor Gustav Meyrink in seiner Villa am Starnberger See ein Angebot vom Auswärtigen Amt: Ob er – gegen gutes Honorar – bereit wäre, einen Roman zu schreiben, der den Freimaurern die Verantwortung für das Blutvergießen zuschiebt. Der ganz und gar unpatriotische Schriftsteller und Yogi kassiert den Vorschuss – und bringt sich damit in Teufels Küche.

Christoph Poschenrieder hat sich dieses Themas in seinem neuen Buch angenommen – und hier unsere Fragen dazu beantwortet.

Foto: © Daniela Agostini / Diogenes Verlag

Worum geht es in Ihrem neuen Buch Der unsichtbare Roman?

Christoph Poschenrieder: Um das Schreiben von Romanen. Warum überhaupt, für was, für wen. Es geht um höhere Wahrheiten, niedere Instinkte, wie etwa das Bedürfnis, mit eigener Arbeit Geld zu verdienen. Und auch um das Publikum: Womit es einen davonkommen lässt, was es glaubt, was es glauben will. Es geht um eine wahre Geschichte, die kein Autor erfinden würde. Um die Kraft und Magie des Wortes, wer sie besitzt und wer nicht.

Was hat Sie an der Figur des esoterikbegeisterten Schriftstellers Gustav Meyrink interessiert? 

Das Wort »Esoterik« kannte Meyrink nicht, genauso wenig wie er »begeistert« für das Okkulte war (so sagte man damals). Seine Geschichte ist eher die einer Obsession mit bisweilen krankhaften Zügen. Ein Outlaw – so hat er sich als junger Mensch gefühlt – geht nicht in die Kirche/Moschee/Synagoge, er sucht sich seine eigenen Wahrheiten und ist dabei ziemlich schmerzfrei. Meine Hochachtung vor Meyrink beruht aber im Wesentlichen darauf, dass er all diese Heils-, Glücks- und Geheimlehren im Laufe seines Lebens wieder abgestreift hat – eine multiple Häutung. Am Ende des Weges bleibt ihm das (er sagte noch: der) Yoga, weil er erkannt hatte, dass man, um glücklich zu werden, in allererster Linie »nach innen« schauen muss. Oder, wie in der Kabbala steht: Verdammt ist, wer die Schrift wörtlich nimmt.

Um der Geschichte des Romans nachzugehen, haben Sie Bibliotheken und Archive besucht. Welche Rolle spielt das Spannungsfeld zwischen Realität und Fiktion in Ihrem Buch?

Als studierter Philosoph habe ich natürlich hohen Respekt vor dem Begriff »Realität«. Als Autor weniger. Der Töpfer hat auch keinen Respekt vor dem Ton (sonst würde er ihn nicht von einer in die andere Form zwingen) und der Geiger führt bekanntlich einen mit Pferdehaaren bespannten Bogen über Saiten aus Tierdarm. In der Nähe meines Elternhauses parkte früher ein Lieferwagen mit der Aufschrift: Beton – es kommt darauf an, was man daraus macht. Ja, genau so ist es. Realität mag zunächst wie Beton scheinen, bei näherer Betrachtung wird sie jedoch formbar wie Ton, und wenn man den Bogen richtig führt, beginnt sie zu singen wie eine Geigensaite: Das ist das Wunder der Fiktion.

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Meyrink soll im Auftrag der deutschen Reichsregierung einen Roman schreiben und tut sich damit schwer. Hatten Sie selbst auch schon Schreibblockaden – und wenn ja, wie gehen Sie damit um?

Schreibblockaden gehören zur Folklore der Schriftstellerei wie Lederhosen zu den Kastelruther Spatzen. Ein bisschen Drama, um die Öde des Schreibens zu kolorieren. Es gibt keine kreative Tätigkeit – vom Schreiben übers Malen zum Komponieren –, die mit der Konstanz eines Fließband- oder Bürojobs ausgeübt werden kann. Leider gibt es auch keinen Feierabend. Mal läuft es, mal nicht. Wenn nicht, muss man eben etwas anderes tun, einkaufen, kochen, putzen, Steuererklärung machen. Wer starr vor dem Computer oder Schreibblock sitzen bleibt, ist selber schuld an seiner/ihrer »Schreibblockade«. Das könnte ja auch ein Zeichen sein, wie im Falle Meyrinks, wie mir scheint: Warum soll ausgerechnet er ausgerechnet diesen Roman schreiben? Mit einem Widerwillen gegen den Stoff kann es nicht funktionieren.

Nach Der Spiegelkasten und Das Sandkorn ist Der unsichtbare Roman bereits Ihr drittes Buch, das zur Zeit des Ersten Weltkriegs spielt. Was zieht Sie immer wieder zurück in diese Epoche?

Vorerst nichts mehr. Diese Zeit habe ich erschöpfend abgearbeitet, die Trilogie ist vollständig. Freilich ist die Epoche für Europa umwälzend wie kaum eine andere gewesen. Da verschwindet eine Welt. Das ist im allgemeinen Bewusstsein – trotz aller Vor-Während-Nach-Erster-Weltkrieg-Jubiläen-Büchern-und-TV-Dokumentationen zwischen 2014 und 2019 nicht recht verankert. Wer weiß denn noch, dass damals die jungen europäischen Künstler im fieberhaften Wahn auf die Schlachtfelder eilten, in der Sehnsucht nach dem Umsturz aller Verhältnisse? Das versteht heute kein Mensch mehr. Abgesehen davon sehe ich nach einer Weile kaum mehr den historischen Kontext. Wenn es die Leser von heute berührt, ist es in gewisser Weise gegenwärtig.

 

Das Interview mit Christoph Poschenrieder führte Daniel Grohé, August 2019 © Diogenes Verlag AG Zürich

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Christoph Poschenrieder, geboren 1964 bei Boston, studierte Philosophie in München und Journalismus in New York. Seit 1993 arbeitet er als freier Journalist und Autor von Dokumentarfilmen. Heute konzentriert er sich auf das literarische Schreiben. Sein Debüt Die Welt ist im Kopf wurde vom Feuilleton gefeiert und war auch international erfolgreich. Mit Das Sandkorn war er 2014 für den Deutschen Buchpreis nominiert. Christoph Poschenrieder lebt in München.

Der unsichtbare Roman erschien am 25. September 2019 und ist auch als eBook erhältlich.

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