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Das Entdecken erfinden. Hugo Loetschers Brasilien

Hugo Loetschers schönste Reisereportagen über Brasilien liegen nun zum ersten Mal in Buchform vor. Brasilien war eine Liebe, die den Schweizer Schriftsteller sein Leben lang nicht losließ. Immer wieder bereiste er sein Sehnsuchtsland und schrieb für diverse Zeitungen Reportagen darüber. Lesen Sie hier einen Auszug aus dem Nachwort des Herausgebers Jeroen Dewulf.

Nachwort

von Jeroen Dewulf

»Nur wer zu Hause bleibt, weiß, wie die Welt ausschaut.« Mit diesem pointierten Satz umriss Hugo Loetscher in seinem typisch ironischen Stil die Komplexität des Reisens. Er, der wie sein literarischer Held »der Immune« am liebsten in alle Richtungen gegangen und aus allen Richtungen zurückgekehrt wäre, wusste wie kein anderer, dass mit jeder Reise neue Fragen entstehen, die erneut zu einer Reise einladen.

Man kann den Schriftsteller Hugo Loetscher nicht von dem Journalisten trennen, der Hunderte von Reisereportagen schrieb. Loetscher war ein typischer homme de lettres, dessen Sprache sich bald als Auseinandersetzung mit der Wirklichkeit verstand, bald als solche, die Wirklichkeiten erschuf. Während seine gesamte Belletristik aber auch heute noch in jeder guten Buchhandlung erhältlich ist, sind seine Reportagen nur mit Mühe in Bibliotheken und Archiven aufzutreiben.

Foto: © Sabine Dreher

Mit Das Entdecken erfinden liegt nun eine Auswahl seiner besten Reisereportagen vor. Hugo Loetscher selbst hat diese Auswahl noch mitbestimmt. Im Frühjahr 2009 hatte er die Nachricht erhalten, dass er sich einer zweiten, schweren Herzoperation unterziehen müsse. Dem damals Neunundsiebzigjährigen waren die Risiken einer solchen Operation bewusst. Daher machten wir uns daran, sein Archivmaterial auf mögliche zukünftige Buchpublikationen hin zu sichten, die Loetscher selbst vielleicht nicht mehr abschließen würde, aber wenigstens noch konzipieren wollte. Da viele seiner Leser seine Reisereportagen besonders schätzten, beschlossen wir, diesen Texten Priorität zu geben. Loetscher selbst entschied sich dabei für die Reportagen, die man, obwohl mehrheitlich in den sechziger und siebziger Jahren erschienen, mit seiner Tätigkeit als Journalist an erster Stelle assoziiert: jene über Brasilien. Damit ist dieser Band auch im wahrsten Sinne des Wortes Loetschers Brasilienbuch.

Wir beschränkten uns bei der Auswahl auf Reportagen, in denen Loetscher als erzählende Instanz auftritt. Diese Texte haben einen literarischen Wert, der über die damalige Aktualität hinausgeht.

Loetschers Befürchtungen, was seine Herzoperation betraf, erwiesen sich leider als berechtigt. Im August 2009 erlag er postoperativen Komplikationen. So konnten wir die schöne Arbeit an diesem Sammelband nicht mehr gemeinsam beenden, auch ein von Loetscher geplantes Vorwort blieb ungeschrieben. Als Einführung in den Band habe ich den 1992 publizierten Aufsatz »Unterwegs in meinem Brasilien« gewählt, in dem Loetscher den Gründen und der Geschichte seiner Faszination für Brasilien nachspürt. Für den Titel ließ ich mich von dem Katalog der großen Brasilienausstellung im Zürcher Kunsthaus inspirieren, den Loetscher herausgegeben hat: Brasilien. Entdeckung und Selbstentdeckung (1992). Für seine Rolle als Organisator dieser Ausstellung und für seine lebenslange Auseinandersetzung mit Brasilien erhielt Loetscher damals von der brasilianischen Regierung den Orden vom Kreuz des Südens. Kaum eine Auszeichnung hat ihn im Laufe seines Lebens mehr gefreut als diese.

Die Reportagen in Das Entdecken erfinden erlauben es, Loetschers Bewusstwerdungsprozess in und über Brasilien nachzuvollziehen. Während Brasilien heute ständig in den Medien ist und es auch in der Schweiz und Deutschland zahlreiche Samba-Clubs und Capoeira-Vereine gibt, war Brasilien 1965, als Loetscher zum ersten Mal in Rio de Janeiro eintraf, für die große Mehrheit seiner Leser noch ein »exotisches« Land; viel mehr als Karneval und Fußball fiel den meisten beim Stichwort Brasilien damals nicht ein. Loetscher selber erging es anfangs nicht viel besser; in »Bahia – Porträt einer Stadt«, einer Reportage für die Zeitschrift du, für die er zusammen mit dem Fotografen René Burri Bahia besuchte, drohte auch er sich gelegentlich in die Exotik zu verlieren. Loetschers frühe Reisen nach Brasilien hatten tatsächlich etwas von der Suche nach einer Wunschvorstellung. Der Eindruck wird erweckt, dass in Bahia ein Traum Wirklichkeit geworden war, der Traum einer »Rassendemokratie«, worunter Loetscher eine ethnische Demokratie verstand, in der sich die Rassenfrage durch die Vermischung aller Rassen gelöst hatte: »In Bahia kam Brasilien zu seiner Idee. Hier wurden die Voraussetzungen geschaffen für den brüderlichen Nationalismus: ›Somos todos brasileiros‹ – wir sind alle Brasilianer. Keine andere Nation hat sich eine ähnliche Devise gegeben. Alle anderen Devisen sind ausschließlich und betreffen die Abgrenzung. Hier nicht. Es gibt keinen, der nicht dazugehören könnte; hier stört niemand.«

Die erste Begegnung mit Brasilien ging auch bei Loetscher kaum über die Projektion solcher traumhaften Visionen hinaus. Er sah Brasilien damals noch nicht, wie es war, sondern eher, wie er es sich vorstellte.

Mit jeder neuen Reise wuchs jedoch die Erkenntnis, dass die Realität des Landes zu komplex ist, als dass sie auf eine Schablone reduziert werden könnte. 1967 lernte Loetscher neben Rio und Bahia auch andere Teile des Landes kennen, was zu einem umfassenderen und kritischeren Brasilienbild führte.

Als in den siebziger Jahren ein wirtschaftlicher Aufschwung einsetzte und vorübergehend sogar von einem brasilianischen Wirtschaftswunder die Rede war, stellte Loetscher fest, dass nur einige wenige von diesem Fortschritt profitierten. Zudem erfolgte die Modernisierung des Landes nach einem westlichen, kapitalistischen Modell, wobei vieles, was Loetscher an Brasilien so bewundert hatte, nun als rückständig und primitiv abgelehnt und buchstäblich abgebrochen wurde. 1970, anlässlich seines dritten Besuches in Salvador da Bahia, musste er feststellen, dass sich die Stadt im Eiltempo modernisierte. Ganze Stadtviertel, die wenige Jahre zuvor noch als traumhafte Kulissen für die Fotos von Burri gedient hatten, waren bereits niedergewalzt worden. »Die Imagination ist weg, dafür beginnt die Wirtschaft zu blühen«, schrieb Loetscher. Seine persönliche Enttäuschung darüber übertrug er auf die Stadt: »Jenes Bahia, das einst Künstler und Schriftsteller inspiriert hat, ist erschöpft und hat ausgedient.«

Das Gefühl der Enttäuschung wurde durch die rasante Zunahme der Kriminalität in den späten siebziger Jahren noch verstärkt. 1980 wurde Loetscher in Rio de Janeiro selbst Opfer eines Überfalls. Er, der die cidade maravilhosa so gerne gemocht hatte, dass er wenige Jahre zuvor noch überlegt hatte, seinen Wohnsitz nach Rio zu verlegen, musste feststellen, dass er sich sogar tagsüber auf der Straße nicht mehr sicher fühlte. Diese Ernüchterung über das Land seiner Liebe führte dazu, dass Loetscher in seinen Reportagen über Brasilien distanzierter auf trat und als erzählende Instanz immer mehr zurücktrat. Auch die Frequenz der Reisen nahm ab. Hatte er zwischen 1965 und 1980 nicht weniger als neun lange Reisen durch Brasilien unternommen, so wagte er sich erst 1988 an eine neue Reise. In den nächsten Jahren bis zu seinem Tod im Jahre 2009 folgten nur noch drei weitere Brasilienreisen. Die Artikel, die aus diesen Reisen hervorgingen, lassen sich als Korrektur seiner früheren Wunschvorstellungen lesen.

Wie alle Krisen in seinem Leben versuchte Loetscher auch diese durch Schreiben zu überwinden. Seine schmerzhafte Erfahrung, der Verlockung der Exotik erlegen zu sein, wurde Thema eines Kapitels im Roman Der Immune (1975). Die Exotik wird darin als literarische Inspirationsquelle dargestellt. Anstatt die Exotik zu verdrängen, lässt sich der Immune absichtlich ein zweites Mal von der Exotik »anstecken«, um eine Form der »Immunität« zu erlangen, die es ihm erlaubt, die Realität mit kritischen Augen darzustellen: »Die Tropen sind eine Verführung. Ich finde es sogar unklug, sich nicht verführen zu lassen. Das Exotische gibt es, und wir reagieren darauf. Man braucht ihm ja nicht zu erliegen, sondern man kann durchgehen.« In diesem Sinne überarbeitete Loetscher im Immunen auch eine »exotische« Reportage aus den sechziger Jahren: »Amazonas – Fluss des Abenteuers« (1967). Während die ursprüngliche Reportage nur von einer Bootsfahrt auf dem Amazonas handelt, wird sie im Immunen durch die Geschichte eines Mannes ergänzt, der in den brasilianischen Regenwald gezogen ist, um der westlichen Zivilisation zu entfliehen. Dort, am Ende der Welt, begegnet er aber jemandem, der soeben für sein Stück gerodeten Urwald eine Palme aus Plastik als Dekoration gekauft hat.

Die Texte in diesem Band belegen, wie sehr Loetschers Brasilienbild das Ergebnis von persönlichen Erfahrungen war. In seinen Reportagen führt uns Loetscher durch den Amazonas, nimmt uns mit in den von der Dürre heimgesuchten Nordosten und zeigt uns die Reste der Jesuitenmissionen im brasilianischen Süden. Vor allem aber sind seine Reportagen das Ergebnis von Begegnungen. Begegnungen mit berühmten Brasilianern wie etwa dem Befreiungstheologen Dom Hélder Câmara, dem afro-brasilianischen Aktivisten Abdias do Nascimento oder dem Revolutionär Luís Carlos Prestes, Begegnungen aber auch mit unbekannten Menschen, die irgendwo unauffällig »am Rande« des fünftgrößten Landes der Welt lebten und die für Loetscher zum Schlüsselerlebnis wurden.

Die Objektivität dieser Reportagen liegt gerade in ihrer Subjektivität, denn durch die Schilderung persönlicher Begegnungen gelang es Loetscher, auch den Brasilianern selbst das Wort zu erteilen. Tatsächlich kommen die unterschiedlichsten Menschen aus den verschiedensten Regionen Brasiliens in diesem Buch direkt oder indirekt zu Wort. Auf diese Weise entsteht ein Brasilienbild Loetschers, das sich aus Einsichten und Darstellungen vieler Brasilianer zusammensetzt. »Sein« Brasilien zeigt sich so aus verschiedensten Blickwinkeln. Damit ist dieses Lesebuch nicht nur ein Buch über Brasilien, sondern auch, und vielleicht vor allem, ein Buch von Brasilien.

 

Der Essayband Das Entdecken erfinden. Unterwegs in meinem Brasilien ist am 27.4.2016 erschienen. Auch als ebook.

Hugo Loetscher, geboren 1929 in Zürich, gestorben 2009 ebendort. Seit 1965 bereiste er regelmäßig Lateinamerika, Südostasien und die USA, seit 1969 war er als freier Schriftsteller und Publizist tätig. Hugo Loetscher war Gastdozent an Universitäten in der Schweiz, den USA, Deutschland und Portugal sowie Mitglied der Darmstädter Akademie für Sprache und Dichtung. 1992 wurde er mit dem Großen Schiller-Preis der Schweizerischen Schillerstiftung ausgezeichnet.

Die Buchpremiere findet am 29.5.2016 im Theater Neumarkt in Zürich statt.

Jeroen Dewulf, geboren 1972 in Belgien, ist Professor für Germanistik und Direktor des Instituts für Europäische Studien an der University of California in Berkeley. Er ist Mitherausgeber von In alle Richtungen gehen. Reden und Aufsätze über Hugo Loetscher (Diogenes, 2005) und Autor von Brasilien mit Brüchen (nzz Verlag, 2007). Die Reportagen in Das Entdecken erfinden hat er gemeinsam mit dem Autor ausgewählt – es ist das letzte Buch, an dem Loetscher noch gearbeitet hat.