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»Eine Gratwanderung zwischen unbarmherziger Realität und überbordender Phantasie« – Kenneth Bonert über seinen neuen Roman ›Der Anfang einer Zukunft‹

Martin Helger, 16, mogelt sich durch eine jüdische Eliteschule in Johannesburg, die sein im Schrotthandel reich gewordener Vater Isaac finanziert, während sein Bruder Marcus gegen Isaacs Willen zur Armee geht. Da bekommt die Familie Besuch aus den USA. Annie ist die ungewöhnlichste junge Frau, der Martin je begegnet ist. Offiziell ist sie Lehrerin in den Townships, undercover aber Anhängerin Mandelas, und sie reißt Martin mitten hinein in den gärenden Konflikt.

Wir haben mit Kenneth Bonert über seinen neuen Roman gesprochen.

Foto: © Richard Dubois

Worum ging es Ihnen in Ihrem neuen Roman?

Kenneth Bonert: Grundsätzlich soll der Roman eine spannende, aufregende Geschichte bieten voller Action und Dramatik, die man mit Genuss liest. Auf der inhaltlichen Ebene geht es um den Sturz des südafrikanischen Apartheid-Regimes Ende der 1980er-Jahre und zugleich um die Befindlichkeit der jüdischen Bevölkerung Südafrikas.

Und wie wirkt sich dieser Umsturz auf die Figuren aus?

Das habe ich versucht, auf der Metaebene zu transportieren. Wie durchleben Menschen einen solchen radikalen Umsturz: die abrupte, vollständige Zerstörung einer Welt, einer Lebensweise, die sofort durch eine grundlegend andere Struktur ersetzt wird. Plötzlich gilt als falsch, was vorher richtig war – die wichtigsten Überzeugungen der Menschen, ihre Gewissheiten, werden von einem Tag auf den anderen auf den Kopf gestellt. Alles‚ woran man glauben sollte, was Regierung‚ Schule, Kirche (oder Synagoge), Eltern, Gleichaltrige‚ ja einfach alle gepredigt haben, erweist sich mit einem Mal nicht nur als falsch, sondern als regelrecht böse – eine neue Realität, über die sich plötzlich alle einig zu sein scheinen, einschließlich derer, die jahrelang das Gegenteil behauptet haben. Ehemals Ausgestoßene werden plötzlich gepriesen, ja sogar verehrt.

Dieser Umbruch hat etwas sehr Surrealistisches und Traumartiges, und meiner Meinung nach entwickeln manche Menschen nach solchen historischen Umwälzungen ein tiefes Misstrauen gegenüber der Realität. Sie haben erfahren, dass die Gesellschaft von einer Reihe kollektiver Wahnvorstellungen und von Aberglauben zusammengehalten wird; auf das, was die Menschen heute am meisten verehren und schätzen, blicken spätere Generationen möglicherweise mit Abscheu zurück und fragen sich, wie ihre Vorfahren jemals solche Dinge glauben und tun konnten. Der gemeinsame zwischenmenschliche Nenner ist unbeständiger Natur. Die Botschaft lautet daher, dass man sich mit offenen Augen umschauen und die aktuellen Orthodoxien und Grundfesten kritisch betrachten sollte. All das sollte man unerbittlich in Frage stellen. Da in der Gegenwart nichts eindeutig ist, kann nur der Lauf der Zeit ein neues und nicht unbedingt positives Licht auf uns werfen.

Welche Mittel haben Sie dafür verwendet?

Um dem Lesepublikum dieses Gefühl der Unsicherheit und des Misstrauens zu vermitteln‚ habe ich den jungen Martin Helger als Erzähler gewählt‚ der uns schon zu Beginn eröffnet, dass er in einer Phantasiewelt lebt und Tagträumen nachhängt, in denen er als großer Held auftritt. Im Lauf des Romans widerfahren ihm Halluzinationen, Blackouts, schwerer Gedächtnisverlust und Entfremdung von seiner eigenen Identität. Wir können uns nie ganz sicher sein, wer er ist, was tatsächlich wahr ist. Der Roman vollführt eine Gratwanderung zwischen unbarmherziger Realität und überbordender Phantasie – genau wie es jemand tun muss, der eine Revolution durchlebt und danach nie wieder sicher weiß, was richtig und was falsch ist, was von Dauer sein und was sich wie Rauch im Wind auflösen wird.

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Was wollten Sie mit Der Anfang einer Zukunft erreichen?

Ich wollte einen Roman schreiben, der: 1. die emotionale Wahrheit von Zeit und Ort meiner Kindheit einfangen sollte, nämlich einer jüdischen Vorstadt von Johannesburg Ende der 1980er-Jahre. 2. Der Roman sollte den nationalen Konflikt mit seinen verschiedenen Facetten veranschaulichen: den Bürgerkrieg gegen die Apartheid, den Grenzkrieg gegen die Kubaner‚ die internationalen Sanktionen usw. und wie sich diese großen Ereignisse auf eine Familie auswirkten. 3. Es sollte ein eigenständiger Roman und zugleich eine legitime Fortsetzung meines ersten Romans Der Löwensucher sein‚ insofern er die Geschichte der Familie Helger vierzig Jahre nach dem Ende des letzten Romans weiterspinnt. 4. Ich wollte eine Form und Struktur finden‚ wie ich sie noch nicht benutzt hatte, einen neuen Blickwinkel. Mich interessierte zum Beispiel, wie Dostojewski in seinen Romanen Monologe einsetzte, um Ich-Erzähler-Geschichten in die Hauptnarrative einzuführen und damit mehrere Perspektiven auf den zentralen Protagonisten zu vereinen. Mich sprachen die phantasievollen Sprünge und der manische Humor an, den ich in Philip Roths Werk erkannte; 5. Es gab einige jüdische (und etwas mystische) Themen, die ich gerne in die Geschichte einbetten wollte.

Gab es Hindernisse beim Schreiben?

Ich denke‚ am meisten hat mich überrascht, dass die richtige Stimme für den Roman die des jungen Martin Helger war. In verschiedenen Entwürfen hatte ich unterschiedliche Perspektiven ausprobiert, hatte eine lyrischere, eine kühler klingende Erzählung mit mehreren Perspektiven angelegt, aber keine davon eignete sich für die Thematik. Martins Stimme ist klug, originell, witzig und voller Pathos – nicht zuletzt ist seine ganze Persönlichkeit spezifisch für den Ort, an dem ich aufgewachsen bin. Für mich war es befreiend, Martin Leben einzuhauchen. Ich hatte eine Stimme für eine Geschichte gefunden, die fast ans Symbolische grenzt, die mit der Form eines Thrillers, eines Bildungsromans‚ eines Krimis und einer Familiensaga spielt, ohne sich jedoch auf eine zu beschränken.

Der Roman ist eine Art Fortsetzung von Der Löwensucher. Wenn Sie sich beide Werke ansehen, können Sie ein Muster erkennen?

Ich denke, mit diesen beiden Romanen wollte ich versuchen, die Lebens- und Erfahrungswelt der südafrikanischen Juden literarisch zu verarbeiten. Ich begann in den dreißiger Jahren des letzten Jahrhunderts mit den Auswanderern, die Litauen verließen, und ging dann zur Generation der späten 1980er Jahre über, als die jüdische Gemeinschaft erneut schrumpfte, da ihre Mitglieder, genau wie ihre Großeltern, in besser entwickelte, sicherere Länder emigrierten. Ich wollte untersuchen‚ inwiefern sich die Geschichte wiederholt; was passiert, wenn Auswandererkinder selbst zu Auswanderern werden? Aber auch, wie sich bestimmte Episoden innerhalb einer Familie in verschiedenen Formen wiederholen (ein Thema‚ das auch in der Bibel vorkommt). ich wollte zeigen, wie ein Charakter das gleiche Psychodrama erleben kann, das seine Vorfahren durchgemacht haben. Als hätte eine Familie – eine Blutlinie – ein Metaproblem, das ausgearbeitet werden muss und von Generation zu Generation tradiert wird, bis ein Individuum erscheint, dem es gelingt, das Drama aufzulösen und die Familie aus dessen Griff Zu befreien.

 

 

Das Interview mit Kenneth Bonert führte Anna von Planta, Juli 2019 © Diogenes Verlag AG Zürich

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Kenneth Bonert, geboren 1972 in Johannesburg, wo er auch aufwuchs, bis er 17-jährig mit den Eltern nach Kanada emigrierte. Er studierte Journalistik an der Ryerson University in Toronto, wo er heute als Reporter und Schriftsteller lebt. Sein Erstling und Vorgängerroman Der Löwensucher gewann 2013 den National Jewish Book Award und den Edward Lewis Wallant Award und war auf der Shortlist für den Governor General’s Award.