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Chris Kraus im Gespräch über Freundschaft, Filmideen und einen rasend schnellen Schreibprozess

Wie nah können Freundschaft und Feindschaft beieinanderliegen? Wie stark schmerzen manche Wunden, auch noch nach Jahren? Chris Kraus fragt in seinem neuen Roman Die Sonne und die Mond nach den Ausmaßen von Betrug, Rache und Liebe. Und von Verlust!

Der Autor trauert selbst seit einiger Zeit um einen sehr wichtigen Menschen - die Inspiration für sein Buch, wie er im Diogenes Interview erzählt. Hier verrät er außerdem, welchen Nachteil das Schreiben gegenüber dem Filmemachen mit sich bringt und wieso es "die Mond" heißt.

Maurice Haas / © Diogenes Verlag

Chris Kraus im Interview

Ihre letzten beiden Romane führten in die Vergangenheit – ins New York der Neunzigerjahre, ins Deutschland der Kriegs- und Nachkriegszeit. Warum kehren Sie mit Die Sonne und die Mond nun zur Gegenwart zurück?
Der Roman wird vor dem konkreten Hintergrund dieser Tage und in der politisch fragilen Situation erzählt, in der wir stehen, das ist richtig. Aber ich weiß nicht, ob es wirklich um die Gegenwart geht. Den Hauptfiguren jedenfalls geht es um die Gegenwart am wenigsten. Die interessiert sie null.

Was meinen Sie damit genau?
Das Buch handelt von der Aufarbeitung eines Verrats, der weit zurückliegt, vor allem aber von Erinnerung, Verlust und Tod. Und eine solche Geschichte ist naturgemäß eher arm an Gegenwart. Alle inneren Probleme, die wir Menschen haben, gründen fast immer in dem, was uns einst widerfahren ist, was uns geprägt, gebeugt oder sogar gebrochen hat. Um das, was in uns fortwirkt, ging es in allen meinen Büchern und Filmen. Das ist auch bei Die Sonne und die Mond so, obwohl die Geschichte um alternatives Bestatten und den Verlust von Ritualen vielleicht en vogue scheint. Von Thomas Mann gibt es diese kluge Erkenntnis: Es gibt gar keine Gegenwart – es gibt nur von Gegenwart überkleidete Vergangenheit. Das ist ganz sicher in dieser Geschichte auch maßgebend, in der ja die Hauptcharaktere von weit zurückliegenden Traumata getrieben werden.

Die Protagonistinnen heißen Sonne und Mond. Wie kamen Sie auf die beiden Namen – und die entsprechenden Figuren?
Wahrscheinlich war das eine Mischung aus Zufall und Notwendigkeit. Die Hauptfigur nannte ich sehr schnell Sonja. Die Bedeutung des Namens heißt »die Weise«. Und das ist auch Sonjas Rolle in der Beziehung zu Mond: Sie ist die Vernünftige, die Rationale, die Kluge. Ich hatte das Gefühl, dass Sonja etwas sehr Helles hat durch ihren scheinbar so vorbildlichen Charakter. Da ergab sich der Spitzname »Sonne« von selbst. Und als ihr Gegenüber gab es »Jana«, eine Kurzform von Johanna, was »die Gnädige« oder »die Vergebende« bedeutet. Wie man im Verlauf der Handlung sehen wird, ist das der richtige Name für sie. »Von Mond« nannte ich sie nur im Nachnamen, um einen Kontrast zu Sonja zu finden, und zwar einen elementaren.

Der Roman handelt, neben der Beschäftigung mit dem Thema Trauer, von tiefer Freundschaft und Verrat. Freundschaft kann unwiederbringlich verloren gehen, aber auch erstaunlich viel aushalten. Was bedeutet Freundschaft für die Figuren Ihres Romans?
Alles. Die Figuren sind Waisenkinder. Sie haben früh ihre Familien verloren. In dieser Situation ist jede Freundschaft auch Verwandtschaft. Wahlverwandtschaft. Für diese extreme Bindung der beiden Hauptfiguren aneinander war es notwendig, ihnen jeden anderen Halt im Leben zu nehmen.

Die Geschichte entfaltet sich rasant, überraschend – fast wie im Rausch. Entsteht Ihr Text ebenso impulsiv, oder steckt lange Feinarbeit dahinter?
Dieser Text ist in einer Ausnahmesituation und rasend schnell entstanden. In der Malerei nennt man das »alla prima«, wenn man in einem Rutsch durchmalt. Ich habe versucht, damit den Tod meiner Frau zu verarbeiten. Und meine Begegnung mit ihrem Bestatter, der mich in vielerlei Hinsicht gerettet hat, führte zur Beschäftigung mit seinem Beruf. Vieles kam zusammen, als ich dann im Sommer 2024 alles niederschrieb. Es waren sehr intensive Monate, und so besessen habe ich noch nie einen Roman verfasst.

Sie sind Autor und Filmregisseur. Ihr Roman besticht durch eine dynamische, bildstarke Sprache und eine szenisch verdichtete, fast filmische Erzählweise. Was macht für Sie persönlich den Reiz und den Mehrwert des Romanschreibens im Vergleich zum Drehbuch aus?
Die Einsamkeit beim Schreiben ist der einzige, allerdings erhebliche Nachteil gegenüber der Filmarbeit. Ansonsten ist das Schreiben eines Buches unschlagbar: die totale Kontrolle über eine Geschichte, nirgendwo ein Redakteur oder eine Redakteurin oder sonst jemand, der einem den Schlaf raubt. Aber Die Sonne und die Mond würde ich gerne verfilmen. Die Arbeit mit Schauspielerinnen und Schauspielern ist doch eine Belohnung für das isolierte Dasein in der Schreibstube.

Humor zieht sich wie ein roter Faden durch den Roman. Welche Bedeutung hat Humor für Sie?
Meine Frau hat auch im Sterben ihren Humor nicht verloren, nicht einmal in den allerletzten Stunden. Das hat mich zutiefst erschüttert. Humor hat eben auch etwas Erschütterndes, so leicht er manche Situationen zu machen scheint. Ich finde, Humor ist das Schönste am Menschen, das Trotzigste, so ein sanfter, paradoxer Widerstand. Humor ist das Menschliche schlechthin.

 

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Die Sonne und die Mond

Sie waren beste Freundinnen, starteten gemeinsam eine Bühnenkarriere, doch dann kam der Bruch. Sonja, genannt Sonne, wurde von Jana von Mond verraten. Jahre später steht Jana – inzwischen ein Comedy-Star – vor der Tür von Sonnes Bestattungsunternehmen und bittet sie, die Trauerfeier für ihren Liebsten auszurichten. Alte Wunden brechen auf, neue werden zugefügt. Die Sonne und die Mond können ihre Umlaufbahn nicht verlassen, sie leuchten weiter, jede auf ihre Art, mal kalt, mal warm.


Hardcover Leinen
608 Seiten
erschienen am 20. August 2025

978-3-257-07347-8
€ (D) 25.00 / sFr 34.00* / € (A) 25.70
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Auch erhältlich als

 

Chris Kraus, geboren 1963 in Göttingen, ist Schriftsteller, Drehbuchautor und Filmemacher. Seine auch international erfolgreichen Kinofilme (darunter Die Blumen von gestern, Vier Minuten) wurden vielfach ausgezeichnet, u.a. mit sieben Deutschen Filmpreisen. Als Romancier ist Chris Kraus mit bisher vier Romanen hervorgetreten. Sein literarischer Durchbruch, das Familienepos Das kalte Blut, wurde in viele Sprachen übersetzt und avancierte in Frankreich und Spanien zum Bestseller. Der Autor lebt in Berlin.