Filter

  • Neuste Beiträge
  • Archiv
  • Monat
  • Foto/ Video/ Audio

»Die Elefanten« von Sasha Filipenko

Die Metapher vom "Elefanten im Raum" nimmt Sasha Filipenko in seinem neuen Roman wörtlich: Die Dickhäuter sind plötzlich überall, besetzen Straßen und öffentliche Plätze und machen auch vor dem Zuhause nicht Halt – und dennoch scheint sich keiner an ihnen zu stören.

Sasha Filipenko erzählt in Die Elefanten bitterkomisch ein politisches Gleichnis auf unsere Wirklichkeit aus der Perspektive eines Außenseiters, der sich mutig der Wahrheit stellt und dabei auch in Zeiten der Unterdrückung an der großen Liebe festhält. Ein Blick ins Buch.

Foto: Lukas Lienhard / © Diogenes Verlag

Eines Tages sind sie da. Wie aus dem Nichts leben sie plötzlich in der Stadt, stehen auf Straßen und Plätzen, leben mitten unter den Menschen und ziehen in die Häuser ein: die Elefanten. Doch niemand nimmt Anstoß an ihnen. Die Leute gehen weiter ihrer Wege, geben vor, es hätte sich nichts geändert. Allein der Stand-up-Comedian Pawel weigert sich zu schweigen und ruft von der Bühne dazu auf, sich der Realität zu stellen. Er riskiert damit alles, sein Leben, seine Freiheit und vor allem seine Liebe zu Anna.

Leseprobe

S. 13-21

   Jeden Morgen setzt sich die Mutter, kaum sind die mit schwarzen Elefanten verzierten Porzellantassen mit Kaffee gefüllt, dem Vater gegenüber und signalisiert mit jenem Blick, mit dem sie ihm seit all den Jahren huldigt: Es kann losgehen. Obwohl Kaffee genauso schnell auskühlt wie jede Verliebtheit, weiß die einstige Muse und heutige Sekretärin, dass kein Frühstück beginnt, ehe ihr Gatte seinen allmorgendlichen Auftritt hatte. Tag für Tag dasselbe Ritual: Manuskripte rascheln zwischen dem Silberbesteck, die Standuhr schlägt neun, und der Klassiker zu Lebzeiten fängt an, von seiner neuesten Romanidee zu erzählen:

»Stellt euch vor«, setzt der Vater übermütig ein, »ein nicht näher definiertes Land im Westen, kurz vor den Wahlen. Der Premierminister bekommt die Umfrageergebnisse auf den Tisch gelegt, denen zufolge nicht seine regierende Partei in Führung liegt, sondern ein kürzlich gegründetes Bündnis
der Neandertaler … «
   »Neandertaler?!«, fragt die Mutter sogleich gebannt und begeistert zurück, als hätte sie nicht genau verstanden.
   »Jawohl, ein Bündnis der Neandertaler!«, antwortet der Vater, der diese Frage erwartet hat, und setzt seinen Vortrag fort. »Von den ersten Seiten an erfährt der Leser, wie plötzlich eine Partei der Neandertaler auftaucht und die Menschen bereit sind, sie zu wählen, weil a) sich zeigt, dass unter ihnen noch immer viele Neandertaler sind, die sie früher nie bemerkt haben, und b) die Neandertaler ein Programm haben, das sowohl Grüne als auch Linke als auch Ökoaktivisten gut finden … «
   »Bravo, bravo, Alexander! Aber was passiert dann?«, fragt die Mutter, Neugierde heuchelnd, zum tausendsten Mal in ihren Ehejahren.
   »Dann stelle ich meinen Leser wie immer vor ein moralisches Dilemma: Der Premierminister und alle seine Mitstreiter begreifen, dass die Neandertaler an die Macht kommen, aber können sie das etwa zulassen? Können sie diesen Rückschritt für ihr Land riskieren? Und weil man die Neandertaler mit demokratischen Mitteln nicht mehr besiegen kann, greifen der Premier und sein Team zu verbotenen Tricks … «
   »Oh, wie interessant! Wirklich, was für eine spannende und anspruchsvolle Anregung für den Leser!«, spielt die Mutter weiter wie an jedem anderen Morgen.
   »Ja, ich möchte Überlegungen dazu anstellen, wie weit wir zu gehen bereit sind, um unsere Werte, unsere Freiheit und Demokratie zu schützen. Und wie wir damit umgehen sollen, dass die Mehrheit die Neandertaler wählt.«
   »Kann ich Ihnen eine Frage stellen?«
   »Natürlich, meine Liebe!«
   »Ist es politisch korrekt, die Neandertaler in einem so negativen Licht darzustellen?«
   »In der Literatur hat politische Korrektheit keinen Platz!«
   »Bravo, bravo, Alexander! Ihre Idee ist wie immer großartig, aber wie endet die Geschichte?«
   »Die Geschichte endet, wie alle meine Geschichten, mit einem sehr schönen Finale … «
   »So erzählen Sie doch schon!«
   »Ja, warum auch nicht? Ich kann es euch ja erzählen, mit Vergnügen sogar! Kurz gesagt, die Staatsmaschinerie ist so damit beschäftigt, die Neandertaler zu bekämpfen, dass keiner bemerkt, wie wiederum andere die Macht ergreifen… «
   »Ach, und wer? Nun sagen Sie schon, wer ergreift die Macht? Spannen Sie uns doch nicht so auf die Folter!«
   »Es sind Cro-Magnon-Menschen!«
   »Oho! Bravo, bravissimo, Alexander! Wenn das nicht genial ist!«

Die Mutter siezt den Vater, er duzt sie. Allein an diesem Detail erkennt Anna die Schieflage und Verdorbenheit in der Beziehung ihrer Eltern, doch obwohl ihr die Mutter leidtut, sagt sie das nie laut. Die Tochter ist selbst gekränkt, sie trägt ihre Kränkung wie Kamele ihre Last, von klein auf, durch die Wüsten des Erwachsenwerdens. Anna hat das Gefühl, in ihrem Elternhaus ist weder Platz für ihre Mutter noch für sie, die mittlerweile fünfunddreißigjährige Tochter, die in einer benachbarten Villa wohnt und jeden Morgen zum Frühstück zu ihren Eltern kommt, die sie nicht liebt.
   ›Mutter und ich‹, denkt Anna, ›sind einander nicht nahe, wir sind nichts als brave Gehilfinnen, Wasserträgerinnen eines großen Schicksals. Die ganze Luft, der gesamte Raum in diesem Haus gehört dem großen literarischen Talent, das seine Existenz in Wirklichkeit allein Mamas unermüdlichem Fleiß zu verdanken hat.‹
   Anna weiß, dass ihre Mutter so große Angst hat, eines Tages verlassen zu werden und allein zu bleiben, dass sie zu allem bereit ist, um nur ja die Wünsche ihres Mannes zu erfüllen. Und die drehen sich alle um Preise, Orden und andere Auszeichnungen, weswegen Sofija häufig lange Gespräche mit Verlegern und Jurymitgliedern führt, auch wenn sie dafür gelegentlich ein, zwei Stunden in einem Hotelzimmer verbringen muss. Das allerdings in letzter Zeit immer seltener – Sofija wird älter und büßt an Attraktivität ein. Wenn Anna sie ansieht, graut ihr vor allem davor, eines Tages genauso zu altern.
   ›Es gib nichts Schlimmeres‹, denkt Anna, ›als wie die eigene Mutter zu werden.‹
   Indessen lebt Sofija in ständiger Angst. Ihre Begeisterung für das Werk ihres Gatten ist ungebrochen, sie füllt für ihn Anträge aus und korrigiert seine Manuskripte. Ihr ganzes Leben widmet sie dem Dienst am großen Meister, und von ihrer Tochter verlangt sie dasselbe:

»Wenn ich einmal nicht mehr bin, wirst du den Schatz des väterlichen Erbes verwalten, Verträge mit Verlagen verlängern, seine Manuskripte katalogisieren und von Zeit zu Zeit das Publikum mit einer bisher unveröffentlichten Skizze überraschen … «
   »Mama, ich werde niemals du sein!«, antwortet Anna schroff und schüttelt sich bei dem Gedanken, eines Tages womöglich arbeiten zu müssen. »Waagrecht 23: Starke Gereiztheit, die sich gegen ein Objekt, eine Person oder eine Situation richtet. Adjektiv, sieben Buchstaben … « – Anna liebt Kreuzworträtsel.

Der [...] Pinsel serviert, eine klassische Nebenrolle. Pinsel war immer schon Pinsel. Dieser Spitzname blieb gleich am ersten Morgen an ihm haften, als er auf der Suche nach Arbeit an die Tür der Luxusvilla klopfte und nichts bei sich trug als einen Rasierpinsel:
   »Ist das Ihrer?«, fragte er den verschlafenen Alexander.
   »Nein«, brummelte dieser und wollte schon die Tür schließen, doch der schmächtige Kerl hatte flugs einen Fuß dazwischengestellt.
   »Ich möchte bei Ihnen arbeiten! Ein so erfolgreicher Schriftsteller wie Sie braucht doch bestimmt Hilfe bei den langweiligen Aufgaben im Haushalt!«
   Schmeicheleien kann Alexander nicht widerstehen – Pinsel blieb. Als Figur, mit der man mitfühlt, aber nicht so stark wie mit den Hauptpersonen. So einer erregt Rührung, fast wie ein Haustier, und auch ein wenig Trauer, aber nur so viel, dass man sich schnell wieder gefasst hat. Sie ahnen schon, dass Pinsel später irgendwann zu Tode kommt, der Handlung geopfert wird. Mit solchen wie ihm rechnen die Autoren am liebsten im ersten Drittel ihrer Bücher ab, damit die Leser sich noch stärker an die Hauptfiguren binden, von denen Sie jetzt ja schon einige kennen.

An jenem Morgen soll eigentlich nichts Außergewöhnliches passieren. Gemäß dem über die Jahre perfektionierten Ablaufplan deckt Pinsel den Tisch, die Mutter gießt Kaffee in die Tassen (ja genau, in die mit den schwarzen Elefanten), und die ewig unzufriedene Anna sieht Pawel finster an, ihren Freund, von dem sie eine Entschuldigung erwartet. Als alle aufmerksam die Ohren spitzen, schüttelt Alexander seinen Blätterstapel zurecht und hebt an:
   »Also, heute haben wir eine kleine Stadt. Eine liebevolle Familie. Er – noch jung, aber bereits Veteran des Widerstands, und sie – in Mutterschaftsurlaub. Er wurde verwundet und weiß daher zu schätzen, was er hat. Er liebt seine Frau und sein Kind sehr. Er liebt sie wirklich! Inbrünstig, ohne verblassende Gefühle … «
   »Die Ausgangslage ist klar … «, kommentiert Sofija und macht sich eine Notiz.
   »Eines Morgens geht er joggen, und als er nach Hause kommt, erfährt er, dass seine Frau und seine Tochter soeben tödlich verunglückt sind. Sie haben gerade eine Straße gequert, als sie ein alter Mann auf dem Zebrastreifen überfahren hat, Sekundenschlaf am Lenkrad … «
   »Was für eine schöne Tragödie für einen Beginn!«
   »Jawohl, ich werde die Verwüstung des jungen Mannes beschreiben, die Beerdigung an einem sehr heißen Tag und wie er während der Totengebete plötzlich das Wort ergreift und sagt: ›Schuld an allem sind die alten Männer!‹ «
   »Er sagt also während der Beerdigung, direkt am Sarg, dass an allem die alten Männer schuld sind?«
   »Direkt an den Särgen! Hör mir gut zu! Ich hab doch gesagt, die Kleine ist auch tot!«
   »Ja stimmt, Alexander, Verzeihung!«
   »Also, er steht in der Kirche und sagt, dass an allem die alten Männer schuld seien. Der junge Witwer hält eine polternde Rede, dass alle unsere Probleme von alten Männern herrühren, sogar die Züge verspäten sich nur wegen ihnen, und wenn es sie nicht gäbe, dann würde das ganze Land wieder in voller Blüte erstrahlen. Tja, die Verwandten und Freunde hören ihm natürlich zu, wo sollen sie auch hin (?), sie sind ja in einer Kirche (!), aber natürlich sagt keiner was dagegen, weil der Bursche unter Schock steht und alle wissen, dass er am Boden zerstört und voller Bitterkeit ist. Dann ist die Beerdigung vorbei, die Gäste zerstreuen sich allmählich, doch da tritt ein Cousin an ihn heran und fragt: ›Hör mal, Bruder, deine Rede war toll, aber was sollen wir deiner Meinung nach tun?‹ «
   »Und was schlägt er vor?«
   » ›Wir töten sie alle!‹, antwortet der junge Mann ruhig, ich würde sogar sagen: emotionslos.«
   »Er will alle alten Männer im ganzen Land töten?«
   »Genau! Und davon handelt mein Roman!«
   »Spannend … «
   »Und ob! Ich will ein Buch über einen jungen, ambitionierten Mann schreiben, der mit seinem Cousin in einen Minibus steigt und auf der Suche nach Mitstreitern durch das Land tingelt (ich will ja schon länger mal über all diese kleinen, nutzlosen Käffer schreiben, in denen ich immer wieder meine Bücher präsentieren muss). Also, sie fahren so dahin, kehren in Bars ein, unterhalten sich mit den Jugendlichen und überzeugen diese unreifen, simplen Gemüter davon, dass alles Übel von den alten Männern kommt. Unser Protagonist hält flammende Reden, mit denen er seine neue Anhängerschaft mitreißt: Wenn sie nur alle alten Männer vernichten würden, dann hätten es alle anderen besser, und es würden sogar Mittel frei, mit denen man Unsterblichkeit erlangen könne … «
   »Und, haben sie Erfolg?«
   »Ja! Ich schildere, wie er ganz schnell Tausende Anhänger findet und zielstrebig, im Handumdrehen sozusagen, Einsatzgruppen organisiert und an den Wahlen vorbei die Macht ergreift, weil es an der Zeit sei, die alten Tattergreise auszumerzen, die das Land regieren! So werde ich zeigen, wie eine absurde Idee eine ganze Gesellschaft durchdringen kann, die sich einredet, damit eine Renaissance einzuläuten … «
   »Und fangen sie dann wirklich an, die Alten zu ermorden?«
   »Ja, alle bis zum Letzten!«
   »Das wird dann aber ein schweres und trauriges Buch?«
   »Das wird ein sehr starkes und wichtiges Buch darüber, wie schnell absolut jede Gesellschaft in der Lage ist zu degenerieren!«
   »Und wie wird dieses Buch heißen?«
   »Alternative für – «
   Der große Schriftsteller kann den Satz nicht zu Ende bringen, weil Annas Freund Pawel ihn unterbricht:
   »Aber warum schreiben Sie eigentlich nicht über Ihren Elefanten?«

An dieser Stelle muss ich etwas ausholen. Den übersprungenen Einstieg zu einem literarischen Text [...] nachliefern. Wenn Sie jetzt den Blick von der erbosten Anna abwenden, vom pikierten Alexander losreißen und auch nicht an Sofijas und Pinsels Verblüffung hängen bleiben, dann werden Sie einen Elefanten bemerken, der mitten im Nebenzimmer steht, riesig und leibhaftig. Das Tier nimmt fast den gesamten Salon ein, der an den Speisesaal grenzt, und kaut gemächlich das Heu, das der Diener zusammen mit dem Frühstück gebracht hat.

Ja, wirklich, keine Sinnestäuschung – ein echter Elefant!