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»In unserer Familie wurde über die Vergangenheit nicht gesprochen. [...] Aber vielleicht war ich gerade deshalb so neugierig.« – Alice Horáčková im Interview

Geteiltes Haus ist ein Roman über eine Grenze, die sich immer wieder verschiebt, und eine Heimat, die über Nacht ihre Gestalt verändern kann. Alice Horáčková entwirft eine deutsch-tschechische Familiensaga, die durch die gewaltigen Umbruchszeiten im Riesengebirge führt und zum Teil ihre eigene Familiengeschichte widerspiegelt.

Im Interview spricht die Autorin über das Verhältnis von Realität und Fiktion in ihrem Roman, von ihren deutsch-tschechischen Vorfahren und erklärt, weshalb sie sich selbst nicht über Nationalität definiert.

Foto: © Richard Klícník

In Ihrem Roman Geteiltes Haus erzählen Sie von zwei eindrücklichen Frauen, deren deutsch-tschechischen Familien, der Geschichte ihres Dorfes und eines ganzen Landstrichs – des Sudetenlandes. Die Handlung erstreckt sich vom Ende der k.u.k.-Monarchie bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs. Wie haben Sie für diese epochale Geschichte recherchiert?
Es begann langsam, zuerst als eine private Leidenschaft. Nach dem Tod meiner Großeltern fand ich in deren Haus im Riesengebirge viele Fotos und Dokumente, die ich noch nie gesehen hatte und dir mir eine neue Perspektive eröffneten. Mein Onkel half mir, obwohl er anfangs zögerte – in unserer Familie wurde über die Vergangenheit nicht gesprochen. Mein Vater sagte sogar zu mir: „Lass es schlafen.“ Aber vielleicht war ich gerade deshalb so neugierig. Ich grub mich durch Archive, sprach mit lokalen Historikern, Chronisten und letzten Zeitzeugen. Eine wertvolle Quelle waren für mich die Schul- und Gemeindechroniken. Das Ganze dauerte mehr als zehn Jahre, vier Jahre lang habe ich an dem Roman geschrieben.

Sie haben einen persönlichen Bezug zum Ort Benetzko. Wie würden Sie das Verhältnis von Realität und Fiktion in Geteiltes Haus beschreiben?
Es ist ein Roman. Es ist meine Vorstellung von einer Familie, die auf jahrelanger Recherche und Erinnerungen basiert. Zdenka zum Beispiel hat viel von meiner Urgroßmutter, die emanzipiert und frech war. Sie hatte einen viel jüngeren Liebhaber, vermutlich einen Deserteur der Wehrmacht. Ein Foto von ihr noch aus der Vorkriegszeit aus einem Atelier in Starkenbach, auf dem sie melancholisch und traurig wirkt und wahrscheinlich schon schwanger war, hat mich sehr inspiriert. Auch die Figur des Hans hat ein reales Vorbild: einen erfolgreichen Fabrikanten – und Arisierer. Ich wollte auch, dass meine Figuren so sprechen wie meine Großeltern oder die älteren Dorfbewohner. Aber als ich den Roman schrieb, lebte keiner meiner Figuren (oder deren Vorbilder) mehr; ihre Gefühlswelt musste ich durch mich selbst filtern.

Fragen der Identität und Nationalität spielen eine zentrale Rolle in Ihrer Geschichte. Inwiefern können wir uns als Menschen über Nationalität definieren? Und inwieweit tun Sie es selbst? 
Mein Großvater hatte eine tschechische Mutter und einen deutschen Vater, er besuchte sowohl tschechische als auch deutsche Schulen in einem deutsch-tschechischen Dorf, und ich glaube, es war schwer für ihn, sich für nur eine Identität und eine Nationalität zu entscheiden. Im Laufe seines Lebens hat er sie zweimal gewechselt: Während des Krieges wurde er zum Reichspostler Hollmann, nach dem Krieg in der Tschechoslowakei zum tschechischen Holzfäller Horáček. Für mich persönlich spielt Nationalität keine große Rolle. Ich mag die tschechische Sprache, ihre Farben und Nuancen, die allerdings auch aus anderen Sprachen stammen. Mein Opa hat oft Wörter wie „imrvére“ (immerwährend) oder „ausgerechnet“ benutzt. Ich interessiere mich für Geschichte, aber auch die ist nicht nur tschechisch. Ich fühle mich als Europäerin. Und es ist mir lieber, wenn die Menschen mich danach definieren, was ich tue, und nicht danach, wo ich geboren bin.

Neben den vielen Umbrüchen, Verlusten und Gräueltaten dieser Zeit bleibt Freundschaft eine starke Konstante für Ihre Protagonistinnen Zdenka und Anežka. Weshalb war es Ihnen wichtig, von dieser Freundschaft zu erzählen?
Im Nachlass meiner Großeltern entdeckte ich eine Postkarte, die meine Urgroßmutter von ihrer Freundin bekommen hatte. Die Postkarte kam aus Tannwald und hatte einen entschuldigenden Ton. Ich habe dort herausgelesen, dass meine Urgroßmutter eine starke Bindung zu ihrer zukünftigen Schwägerin hatte, die aus einer deutschen Familie stammte und den Mann heiratete, den auch meine Urgroßmutter liebte… Ich wollte damit zeigen, wie eng die Familien, Beziehungen und Ehen im Riesengebirge miteinander verflochten waren. Sie gingen quer durch Nationalitäten und Ideologien.

Geteiltes Haus ist auch eine Familiengeschichte. Im Deutschen als auch im Tschechischen gibt es das Sprichwort »Seine Familie kann man sich nicht aussuchen«. Inwiefern trifft das auf die Hollmanns und die Honcůs zu?
Auch ich habe mir meine Familie nicht ausgesucht. Natürlich wäre ich froh, wenn ich nur Helden unter meinen Vorfahren hätte, aber andererseits war meine Familie eigentlich typisch für alles, was in Europa geschah. Ich bin froh, dass ich das jetzt viel besser verstehe.

Geteiltes Haus
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Geteiltes Haus

Aus dem Tschechischen von Sophia Marzolff

Benetzko im Riesengebirge in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts: Hier wachsen zwischen Regimewechseln und verheerenden Kriegen auch Zdenka und Anežka auf. Die eine tschechisch, die andere deutsch, werden sie beide eigensinnige Frauen, die im Laufe der Jahrzehnte mit so einigem kämpfen und hadern – wildernden Männern, keifenden Schwiegermüttern, desertierenden Kindern oder ihren Nationalitäten – und vieles verlieren, aber niemals ihre Freundschaft.


Hardcover Leinen
880 Seiten
erschienen am 19. August 2026

978-3-257-07400-0
€ (D) 28.00 / sFr 37.00* / € (A) 28.80
* unverb. Preisempfehlung
Auch erhältlich als

 

Alice Horáčková, 1980 in Prag geboren, studierte Sozialwissenschaften an der Karls-Universität. Ihr erstes Buch, ›Vladimíra Čerepková‹ (Argo, 2014), die literarische Biografie einer vergessenen Beat-Dichterin, wurde für den Josef-Škvorecký-Preis und den Magnesia Litera 2014 für die Entdeckung des Jahres nominiert. Geteiltes Haus ist ihr zweites belletristisches Buch und das erste, das auf Deutsch erscheint. Horáčková lebt als freiberufliche Schriftstellerin in Prag.