In seinem Debütroman Winterschlaf führt uns Mario Petuzzi traumwandlerisch in eine mythische Welt in den Alpen – zu einer Mutter, die den Winter durchschläft und im Frühjahr erwacht – den Kopf voller Träume. Umsorgt vom Großvater und ihren Kindern, den Zwillingen, schreibt sie das Erträumte nieder und prophezeit ihren Gästen aus nah und fern, was kommen wird. Doch in diesem zehnten Sommer wird alles anders.
Im Diogenes Interview erzählt der österreichische Autor von der Inspiration zu seinen eigenwilligen Figuren, von bizarren Träumen und seiner eigenen Sehnsucht nach Winterschlaf.
Foto: Michaela Kölle / Agentur Anzenberger / © Diogenes Verlag
Wie war es für dich, deinen ersten Roman zu schreiben?
Herausfordernd. Ich hatte schon lange die Idee, dass ich irgendwann einen Roman schreiben möchte. Mit Auf und Abs und allem Drum und Dran hat es fünf Jahre gedauert. Wirklich daran geglaubt habe ich nach den ersten hundert Seiten. Als diese hundert Seiten mehr oder weniger so waren, wie sie jetzt sind, wusste ich: Jetzt kann ich das Buch fertigschreiben.
In deiner Geschichte erwacht die Mutter aus ihrem Winterschlaf, den Kopf voller Träume. Was war dein wildester Traum?
Tatsächlich sind meine wildesten Träume Fieberträume. Es gab früher diese Bildschirmschoner bei
Windows 95 oder 98, dort verliefen Rohre in sämtlichen Farben ineinander. Ich habe einmal mit 40
Grad Fieber geträumt, dass ich eines dieser Rohre bin und in die Dunkelheit wachse. Das war fast wie
eine außerkörperliche Erfahrung. Dann bin ich aufgewacht, und dabei dachte ich mir: Das ist das
Verrückteste, was ich jemals geträumt habe. Das ist sicher schon 20 Jahre her, doch das habe ich seither nicht vergessen.
Wie hast du deine Figuren gefunden?
Sie haben eher mich gefunden. Die Konstellation von Mutter und Zwillingen war recht früh da. Dann war ich auf einer Ausstellung eines befreundeten Künstlers, und dort habe ich die Apo(Großvater)-Figur als Bild gesehen: einen einbeinigen alten Mann mit Brille. In dem Moment wusste ich, der hat mir noch gefehlt. Somit waren alle vier Hauptfiguren versammelt. Dann galt es nur noch loszuschreiben.
Hat dein Großvater etwas mit der Figur zu tun, die du geschrieben hast? Gibt es eine Parallele?
Nein, tatsächlich ist der größte Einfluss auf die Geschichte meine Großmutter, die selbst Zwilling war. Sie und ihr Bruder sind klischeeweise auf die Namen Hans und Grete getauft worden. Ihren Einfluss habe ich erst im Nachhinein realisiert: Sie war eine sehr starke Frau, die mir immer erzählt hat, wie sie ihren Bruder hat verteidigen müssen, der ein schwacher Junge war. Sie war das rebellische Mädchen. Diese Konstellation hat in meinem Unterbewusstsein etwas ausgelöst, worauf ich erst nach 30 oder 40 Seiten gekommen bin.
Woraus ziehst du Kreativität?
Kreativität entsteht durch unterschiedliche Kanäle. Bei mir ist es so: Es gibt nicht den einen Hahn, den man aufdreht, und dann ist die Kreativität da, sondern es kann zum Beispiel ein Nebensatz in einem Gespräch sein. Es kann ein Bild sein, das mich beeindruckt, ein Film oder ein anderer Text. Ich habe oft das Gefühl, dass nach einer gewissen Zeit bei mir Schleusen aufgehen, und dann prasselt die Kreativität auf mich ein. Andererseits gibt es auch wieder Phasen, in denen ich merke, dass ich voll davon bin, und das muss dann irgendwo raus. Und erst dann bin ich wieder aufnahmefähig.
Du arbeitest als Banker. Ist das Schreiben für dich auch ein Ausgleich?
Ich bin dankbar dafür, dass sich diese Tätigkeiten so widersprechen. Doch gleichzeitig sind beide miteinander verbunden. Auch der Bankerberuf hat etwas mit Sprache zu tun, weil ich komplexe Inhalte möglichst gut mündlich transportieren muss. Das Mündliche zeigt sich auch im Schreiben. Vielleicht müsste man sagen, dass es sich gut ergänzt, weil es sich widerspricht. Ich kann schnell die Modi wechseln, ohne dass diese sich gegenseitig im Weg sind.
Wie kam es zu der ungewöhnlichen Kombination des Wirtschafts- und des Komparatistik-
Studiums in deiner Biografie? Das ist auch wieder sehr widersprüchlich. Oder vielleicht doch nicht?
Das ist vielleicht gar nicht so spannend. Zum Schreiben meiner Arbeit für das Wirtschaftsstudium habe ich einen Zugang an die Uni gebraucht. Es war für mich klar, wenn ich mich irgendwo einschreiben muss, dann mache ich gleich etwas, das mich interessiert. Zu dem Zeitpunkt war das Schreiben schon sehr wichtig für mich, deshalb dachte ich: Ich mache Komparatistik, also vergleichende Literaturwissenschaften. Daraufhin habe ich so gut wie möglich versucht, alles unter einen Hut zu bringen. Das ist mir mal mehr, mal weniger gut gelungen. Mein Highlight war, wenn ich im Anzug an die Uni gegangen und in der Komparatistik-Vorlesung gesessen bin und alle mich wie einen Außerirdischen angeschaut haben.
Ist der Winterschlaf auch eine persönliche Sehnsucht von dir?
Ja! Vielleicht ist es etwas spezifisch Tirolerisches oder auch Alpines, aber ich vermute, das ist eine Sehnsucht vieler, vieler Menschen. Seit ich das Buch geschrieben habe, stoße ich in vielen Gesprächen immer wieder auf das Thema Winterschlaf, ohne dass ich davon gesprochen hätte. Deshalb würde ich sagen Ja. Lange schlafen. Wer wünscht sich das nicht manchmal?
Wenn du mit deinen Träumen die Zukunft vorhersehen könntest, wovon würdest du heute
Nacht träumen wollen?
Das ist eine gute Frage. Ich frage mich, ob man die Zukunft immer wissen möchte und damit auch die Verluste, die einen erwarten könnten. Das betrifft aber auch die tollen Sachen. Ich würde heute gerne von morgen träumen. Das ist nicht zu weit in der Zukunft, so bleibt die Spannung hoch im eigenen Leben.
Winterschlaf
Wenn der Schnee in den Alpen bis ins Tal hinunter schmilzt, ist es soweit: Die Mutter erwacht aus ihrem Winterschlaf, den Kopf voller Träume der letzten Monate. Erwartet wird sie vom Großvater, umsorgt von ihren Kindern, den Zwillingen. Schon bald reisen die ersten Besucher an, denn die Träume der Mutter versprechen Rat und spenden Trost. So geht es Jahr für Jahr. Doch in diesem Sommer, dem zehnten der Zwillinge, wird sich alles ändern – und was die Mutter weissagt, wahr werden.
Mario Petuzzi, geboren 1989 in Hall in Tirol, lebt mit seiner Familie in der Nähe von Innsbruck. Er studierte Wirtschaft und Management sowie Vergleichende Literaturwissenschaft in Innsbruck und São Paulo. Er nahm am Klagenfurter Literaturkurs und an der Prosawerkstatt des Literarischen Colloquiums Berlin teil. Winterschlaf ist sein Debütroman.










