Im zweiten Teil des Diogenes Interviews gibt uns Mario Petuzzi Einblicke in den Schreibprozess seines ersten Romans, spricht über literarische Vorbilder und den Moment, in dem ihm bewusst wurde, dass das Schreiben existenziell für ihn ist.
Wachen und Träumen trennt manchmal nur ein Blinzeln. Winterschlaf ist Mario Petuzzis urwüchsiges und eigenwilliges literarisches Debüt, das von einer Familie in den Alpen erzählt, die ihr Leben zwischen Träumen, Schlaf und Weissagungen vom Rhythmus der wechselnden Jahreszeiten leiten lässt.
Foto: Michaela Kölle / Agentur Anzenberger / © Diogenes Verlag
Was hat dich zu der Geschichte inspiriert?
Ein Nebensatz in einem Gespräch. Das Wetter war an diesem Tag so miserabel, dass irgendjemand gesagt hat: »Man könnte sich doch jetzt eigentlich in den Winterschlaf begeben.« Bei mir hat dieser Satz weitergearbeitet, und zwar so sehr weitergearbeitet, dass ich mich dann gefragt habe: »Wenn ein Mensch wirklich in den Winterschlaf gehen kann oder sich in einen Winterschlaf begeben will, wie würde das aussehen?« Und daraus ist dann der ganze Roman entstanden.
Wo spielt dein Roman? Gibt es ein reales Haus oder einen realen Berg, die du vor dir hattest?
Es gibt reale Einflüsse, die sich überlagern: Zum Teil ist es das Haus meines Großvaters, also das
Elternhaus meiner Mutter, das in meinem Kopf allerdings in der Landschaft steht, in der mein
Patenonkel ziemlich abgelegen gelebt hat.
Die Perspektive der Kinder, deren Neugier und Unbefangenheit, spielen eine zentrale Rolle in
der Geschichte. Was können wir von Kindern lernen? Und wie siehst du als Vater das?
Ich finde, die größte Stärke bei Kindern ist die unbändige Freude an allem und das Ungefilterte. Viele soziale Normen und Verhaltensweisen sind noch nicht gelernt oder müssen erst noch erlernt werden. Wenn ständig Rückfragen kommen, merkt man selbst erst, wie absurd gewisse Dinge sind und wie gefestigt man in den eigenen Verhaltensweisen ist, die überhaupt keinen Sinn ergeben. Meist wird man sich dessen erst bewusst, wenn ein Kind einem das widerspiegelt. Dazu gehört auch das unbewusst Anarchische, was Kinder mitbringen und das die Kommunikation zwischen Kindern und Erwachsenenwelt herausfordernd macht. Der Generationenkonflikt ist ein Kommunikationskonflikt, und der rührt nicht von irgendwo her.
Wann war der Moment gekommen, in dem dir bewusst wurde, dass das Schreiben existenziell für dich ist?
Das Schreiben war immer schon da. Dringlich wurde es dann mit der Geburt meiner Tochter, weil die Zeitressourcen so knapp wurden, dass ich mich entscheiden musste, entweder ich mache es jetzt ganz oder gar nicht. Zu diesem Zeitpunkt ist mir klar geworden: Wenn ich es mit dem Schreiben probiere, dann richtig. Deshalb ist ein Großteil der wenigen Zeit, die ich damals hatte, ins Schreiben geflossen. Ich habe dafür bewusst bei anderen Dingen Abstriche gemacht. Das betraf vor allem private Befindlichkeiten, zum Beispiel das Treffen mit Freunden am Abend oder gemütlich auf der Couch zu sitzen und einen Film zu schauen. Ich würde wahrscheinlich auch deutlich mehr lesen, wenn ich nicht schreiben würde. Einen fesselnden Text lege ich auch mal bewusst zur Seite und sage mir: »Jetzt wird geschrieben.« Das geht mal mehr, mal weniger gut und passiert in Schüben. Ich benötige dann auch wieder Zeit zum Aufladen. Aber ich weiß, wenn ich diesen Weg gehen möchte und mich literarisch austoben will, dann braucht es Zeit, die ich eigentlich nicht habe. Diese Zeit muss ich mir dann an anderen Stellen nehmen. Oft werden die Nachtstunden dann eben etwas länger.
Hast du literarische Vorbilder beim Schreiben?
Ich habe keine dezidierten Vorbilder, aber es gibt natürlich viele Einflüsse von anderen Autor:innen, oft sind das eher Kleinigkeiten. Wenn ich einen literarischen Text lese, reflektiere ich, wie die Wechsel zwischen Perspektiven funktionieren, wie sprunghaft in Szenen gewechselt wird oder wie stark ein Bild ist. Das sind also weniger Vorbilder, sondern eher spezifische Passagen, bei denen ich mir denke: »Das habe ich so noch nie gelesen – wie großartig das handwerklich umgesetzt wird.« Das beeindruckt mich, und so überlege ich, wie ich das in mein Schreiben implementieren kann und möchte. Manchmal gelingt es, etwas auf meine eigene Art und Weise umzusetzen und manchmal ist es eine billige Kopie, dann verwerfe ich es wieder. Es ist ein Herantasten an Dinge, die funktionieren, und Dinge, die nicht funktionieren. Ich denke, nur so findet man seinen eigenen Weg, seine eigene Stimme und den Zugang, wie man schreiben will.
Gab es viele Passagen, die du wieder verworfen hast?
Nein. Das Verwerfen funktioniert bei mir aber auch so, dass ich bereits beim Schreiben über gewisse Seiten sicher hundert Mal drüber gegangen bin. Ich kann schlecht weiterschreiben, wenn ich mit dem, was vorher steht, nicht zufrieden bin. Und da gibt es schließlich sehr unterschiedliche Zugänge. Mein Schreiben ist ein sehr langsames mit sehr viel Überarbeitung. Es kann sein, dass ich drei Stunden an einer Seite sitze und erst dann den nächsten Satz finde. Ich schreibe keine großen Mengen und verwerfe dann, sondern bei mir findet viel Überarbeitung bereits im Schreibprozess statt. Das ist oft mühsam, denn es geht weniger schnell voran, aber gleichzeitig habe ich das Glück, dass ich zufrieden bin, wenn ein Text steht und dann nicht mehr viel geändert wird.
Deine Sprache hat einen ganz eigenen Zauber. War diese Art zu schreiben von Anfang an da?
Das Bildhafte und Satte der Sprache war von Anfang an da. So wollte ich den Text anlegen, und das ist, was meinem Schreiben zugrunde liegt. Doch einige Dinge haben sich schon verändert, besonders das Mündliche und wie gewisse Sprünge, Dialoge und Übergänge funktionieren. In den letzten fünf Jahren habe ich einiges dazugelernt, auch indem ich mich selbst beobachtet habe. Das Gerüst des Textes war von Anfang an da, aber kleine Teile haben sich sicher verändert.
Winterschlaf
Wenn der Schnee in den Alpen bis ins Tal hinunter schmilzt, ist es soweit: Die Mutter erwacht aus ihrem Winterschlaf, den Kopf voller Träume der letzten Monate. Erwartet wird sie vom Großvater, umsorgt von ihren Kindern, den Zwillingen. Schon bald reisen die ersten Besucher an, denn die Träume der Mutter versprechen Rat und spenden Trost. So geht es Jahr für Jahr. Doch in diesem Sommer, dem zehnten der Zwillinge, wird sich alles ändern – und was die Mutter weissagt, wahr werden.
Mario Petuzzi, geboren 1989 in Hall in Tirol, lebt mit seiner Familie in der Nähe von Innsbruck. Er studierte Wirtschaft und Management sowie Vergleichende Literaturwissenschaft in Innsbruck und São Paulo. Er nahm am Klagenfurter Literaturkurs und an der Prosawerkstatt des Literarischen Colloquiums Berlin teil. Winterschlaf ist sein Debütroman.










