Filter

  • Neuste Beiträge
  • Archiv
  • Monat
  • Foto/ Video/ Audio

»Die unbekannte Sally Hemings« von Barbara Chase-Riboud

Anlässlich des 250. Gründungsjubiläums der Vereinigten Staaten wagen wir mit Barbara Chase-Riboud einen Blick neben den Hauptverfasser der Unabhängigkeitserklärung auf dessen Sklavin und Mätresse Die unbekannte Sally Hemings. In ihrem gleichnamigen Roman rückte Chase-Riboud die historische Nebenfigur erstmals in den Mittelpunkt und gab ihr eine literarische Stimme. Basierend auf realen Gegebenheiten erzählt der Roman die bedeutungsvolle, jahrzehntelange Beziehung zwischen ihr und Thomas Jefferson: Wir folgen Sally von ihrer Kindheit als Leibeigene zu ihrem Dasein als jugendliche Zofe in Paris, wo sie die Freiheit kennenlernt und diese dennoch riskiert, indem sie – von Jefferson schwanger – nach Virginia zurückkehrt.

Foto: Grant Delin / © Michael Rosenfeld Gallery

Chase-Riboud ist nicht nur preisgekrönte Autorin, sondern auch eine international renommierte Bildhauerin, Zeichnerin, Druckgrafikerin und Dichterin. In einem Interview mit Guillaume Désanges sagt die Autorin über sich selbst: »Ich werde alles tun, um nicht als ein Stereotyp abgestempelt zu werden.« Diese Philosophie überträgt sie liebevoll auf ihre Romanfiguren.

Eine weiterhin frische Perspektive auf die amerikanische Geschichte, hier in einer exklusiven Leseprobe nachzulesen.

Leseprobe

S. 15-20

    Ein Weißer kam ihre Straße herauf, als ob Gott es so bestimmt hätte und als ob die Straße ihm gehörte.
    Die Frau, die im dunklen Rechteck der Tür stand, wusste, dass dies die Art war, wie weiße Männer ankamen. Ein Sklave würde ohnehin nie allein und ohne Begleitung mit einem Wagen fahren. Und die einzigen Freigelassenen weit und breit waren ihre Söhne, Madison und Eston. Sie selbst betrachtete sich nie als frei, und jetzt, wo sie sechsundfünfzig war und ihre Söhne rücksichtsvoll darauf warteten, dass sie starb, damit sie in den Westen ziehen könnten (warum sah sie das nur so verbissen?), war sie ganz einer anderen Zeit und einem anderen Ort verhaftet, gehörte sie gleichsam einem anderen Zeitalter an, einer Epoche, die vor vier Jahren, am vierten Juli 1826, für sie zu Ende gegangen war.
    Die Hütte, in der sie stand, war die armseligste Behausung der ganzen Gegend. Das Land ringsum war von der Baumwolle ausgelaugt und unmöglich zu bestellen. Trotzdem bearbeiteten sie es, ihre Söhne, mit einer wahren Arbeitswut und dem Mut der Verzweiflung; dabei gehörte es ihnen noch nicht einmal. Freigelassene durften in Virginia kein Land besitzen. Es war gepachtet; teuer und wertlos – erschöpft, hügelig und böse. Die Hütte neigte sich ihrem eigenen Verfall entgegen. Wiewohl sie angrenzte an die einst berühmte Plantage Monticello, erstickte sie zunehmend unter Wildwuchs und schier undurchdringlichem Gestrüpp.
    Die Eisenreifen knirschten in den tiefen Fahrspuren der schlecht instand gehaltenen Straße. Sie erkannte, dass es sich nicht um eine Kutsche handelte, sondern um einen leichten vierrädrigen Wagen, und was sie zuerst für Pferde gehalten hatte, war in Wirklichkeit ein Gespann von gut zueinander passenden, wohlgenährten Maultieren mit bräunlich schimmerndem Fell. Ihre Augen verfolgten das Näherkommen des kleinen Wagens ohne Verwunderung, als ob sie über das, was geschehen sollte, bereits in Kenntnis gesetzt worden wäre, als ob sie wüsste, wer da in solcher Pracht bei der Hütte einer ehemaligen Sklavin vorgefahren kam.
    Tatsächlich konnte ihre Augen nie etwas überraschen. Es waren Augen von tiefem Bernsteingelb, Kennzeichen einer Quarteronin, zu einem Viertel schwarz also, die ihrem ganzen Gesicht einen Hauch von Durchsichtigkeit gaben, Augen, die gleichsam flüssiges Gold in einer elfenbeinernen Maske waren, Fenster, die auf geheimnisvolle aufgeschichtete Feuer hinausgingen, die Tag und Nacht brannten, Augen, die alles aufnahmen und nichts an die Oberfläche zurückgaben. Ihre Haut war ein wenig schlaff, aber noch ohne Runzeln. Es gab nichts, woraus man auf ihr Alter hätte schließen können – weder aus den Linien ihres Gesichts noch aus den Umrissen ihres Körpers, der klein und zierlich war, gut beisammen, kräftig und von jener drahtigen Lebendigkeit, wie angeborene Schlankheit sie einem verleiht. Um den Kopf hatte sie ein weißes Tuch geschlungen, das ihre Haut dunkler erscheinen ließ, als sie war, und den schönen blassen Mund mit den tiefen Grübchen zu beiden Seiten betonte. Von den Ohrläppchen hingen kleine Rubinohrringe herunter wie winzige Blutstropfen, die nicht zu dem verschossenen, groben, schwarz leinenen Kleid und der schwarzen Schürze passten und völlig fehl am Platze wirkten. Sie trug immer noch Trauer. Ihre Hände, die sie in den Falten ihrer Schürze verbarg, waren klein, weich, schlank und ließen erkennen, dass sie niemals harte Arbeit verrichtet hatte.
    Der Wagen hatte unten am Obstgarten haltgemacht. Der Mann war ausgestiegen und kam jetzt den steilen Weg zu ihrer Hütte herauf. Während sie den näherkommenden Fremden beobachtete, änderte sich ihr Gesichtsausdruck jäh, und aus Neugier wurde Ärger und dann Besorgnis. Es gab nur zwei Gründe für einen Weißen, an ihre Tür zu klopfen: Entweder er war der Mann von der Regierung von Albemarle County, der mit dem Census beauftragt war, oder der Sherif f mit einem Ausweisungsbefehl. Beide würden sie die gleichen Fragen stellen: Wie sie heiße, wie alt sie sei und ob sie Sklavin sei oder Freie. Nun, jeder in Albemarle County, jede alteingesessene Familie im Umkreis von fünfzig Meilen kannte ihren Namen, wusste, wie viele Kinder sie hatte und von wem; wusste überdies, dass sie als freigelassene Sklavin dem Gesetz nach kein Recht hatte, in Virginia zu bleiben – es sei denn, ihr wäre von der gesetzgebenden Körperschaft Virginias ein besonderer Dispens zugebilligt worden.
    Wenn der Census-Beauftragte – falls er es war – auch nur ein kleines bisschen Verstand besaß, hätte er sich in dieser Nachmittagshitze nicht bis zu ihr heraufbemühen müssen, um sie zu fragen, was er ohne jeden Zweifel ohnehin wusste: ob sie Sally Hemings von Monticello sei.

 

    Die Sklavin und Mätresse von Thomas Jefferson war in Albemarle County berühmt gewesen, solange sie zurückdenken konnte. Zumindest ihr Name war berühmt. Mit eigenen Augen gesehen hatten sie aber nur wenige, und das war einer der Gründe, weswegen er sich langsam diesen elenden Weg hinaufmühte: um Sally Hemings von Angesicht zu Angesicht zu sehen.
    Nicht einer von hundert würde »Dusky Sally« erkennen, wenn sie sie sähen, fand er. Sie hatte Monticello in all den fünfzig Jahren, die sie dort gelebt hatte, nur selten verlassen; trotzdem war ihm, als sei ihr Name ihm von jeher vertraut. Sein Vater hatte ihre beiden Herren gekannt, John Wayles, den Vater, und Thomas Jefferson, den Liebhaber. Nathan Langdon – der Census-Beauftragte von Albemarle County – setzte ein sardonisches Lächeln auf. Er war daheim, war wieder in Virginia mit seinen Leidenschaften, seinen Blutfehden, seinem Stolz, seinen Duellen und seiner Südstaaten-Ehre. Und war froh darüber. Schon in den wenigen Wochen, die er jetzt zurück war, hatte er die Ausstrahlung von Tüchtigkeit und Energie, die er sich im Norden zugelegt hatte, abgestreift wie eine Eidechsenhaut. Die Hitze, die gemächliche Gangart der sauberen, schönen Maultiere, das Schwanken des altmodischen, aber eleganten Gefährts, die Zügel, die sanft die Innenflächen seiner Hände streichelten – all das trug unmerklich dazu bei, dass er sich wieder zu Hause fühlte. Er ließ seine wuchtige Gestalt auf das rissige Leder des Sitzes sinken und hob die Augen zu der kleinen Hütte, die auf der Grenze zwischen der Wildnis eines zerspellten Kiefernwaldes und den südlichsten Baumwollfeldern von Monticello stand. Und als er das tat, sah er eine kindliche Gestalt in der windschiefen Tür stehen. Eine Frau. Sally Hemings. Sie musste es sein. Es gab sonst keine Frauen hier draußen.

 

    Die Gestalt im Schatten der Tür stand stocksteif da. Wieso konnte sie nie die Angst und die Panik in den Griff bekommen, die sie befielen, sobald ein weißer Mann sich näherte? Welcher weiße Mann auch immer. Ein vertrautes Unbehagen machte sich in ihrem Magen breit. Es hatte nur einen einzigen weißen Mann gegeben, den sie je mit Freuden willkommen geheißen hatte. Und der war tot und lag hinter dieser Hütte auf seinem kleinen Berg begraben. Wenigstens waren Madison und Eston nicht zu Hause. Falls es Schwierigkeiten gab, zog sie es vor, ihnen allein entgegenzutreten. Einem erzürnten weißen Mann die Stirn zu bieten war Aufgabe einer schwarzen Frau, nicht die eines schwarzen Mannes, es sei denn, er wäre bereit zu sterben. Freilich, vielleicht handelte es sich bei diesem Mann nur um den Census-Beauftragten, von dem Madison neulich gesprochen hatte.
    Eine seltsame Ruhe überkam sie. Der Sheriff würde, wenn überhaupt, den Ausweisungsbefehl bringen und eine Anordnung, sie aus dem Staate Virginia zu vertreiben – was ihren Söhnen gerade recht wäre, solange man ihnen gestattete, in Frieden abzuziehen.
    Sally Hemings wusste, dass es von Willen und Laune ihrer Nichte, Martha Jefferson Randolph, abhing, ob sie und ihre Söhne in Virginia bleiben durften. Es war Martha, die sie freigelassen hatte, und es war auch Martha, die ihre Freunde in der gesetzgebenden Versammlung bewogen hatte, ihr die Erlaubnis zum Bleiben zu erteilen. Ihr Leben hier hing von Martha ab, und Martha wiederum war auf ihr Schweigen angewiesen. Beide hatten sie ihre Gründe. Also sei’s drum! Sie hatten beide Gründe, Schweigen zu bewahren – Gründe, die sie mit ins Grab nehmen würden. Es verstieß gegen das Gesetz, dass ein freigelassener Sklave länger als ein Jahr und einen Tag nach seiner Freilassung in Virginia blieb; der Freigelassene lief Gefahr, wieder zurückverkauft zu werden in die Sklaverei.
    Sie aber würde, so Gott wollte, in Virginia sterben, auf Monticello, nicht in irgendeiner Wüste, von wilden Indianern skalpiert. Madison und Eston waren jung und gesund. Für sie war der Westen die einzige Chance; sie jedoch würde ihre Tage hier beenden. Ihre Söhne mussten nur einfach abwarten. Gar zu lange würde es schon nicht dauern.

Die unbekannte Sally Hemings
Im Warenkorb
Download Bilddatei
Kaufen

Kaufen bei

  • amazon
  • bider und tanner
  • buchhaus.ch
  • genialokal.de
  • hugendubel.de
  • kunfermann.ch
  • orellfuessli.ch
  • osiander.de
  • Schreiber Kirchgasse
  • thalia.at
  • thalia.de
  • tyrolia.at

Die unbekannte Sally Hemings

Aus dem amerikanischen Englisch von Werner Peterlich

Über 200 Jahre wurde unter Verschluss gehalten, dass die wichtigste Frau an der Seite des dritten US-Präsidenten Thomas Jefferson seine Sklavin Sally Hemings war. Erst die international bekannte Künstlerin Barbara Chase-Riboud gab ihr mit diesem Roman eine Identität und ihre eigene Geschichte zurück. In ›Sally Hemings‹ zeichnet sie das Bild einer stolzen, eigenwilligen Frau, die statt Freiheit die Liebe wählte und zeitlebens um ihren Platz in Jeffersons Leben kämpfte.


Hardcover Leinen
624 Seiten
erschienen am 20. Mai 2026

978-3-257-07371-3
€ (D) 28.00 / sFr 37.00* / € (A) 28.80
* unverb. Preisempfehlung
Auch erhältlich als