Autorin Anna Nicholas stellt uns ihr Sóller im Nordwesten Mallorcas vor – für viele ein Sehnsuchtsort im Urlaubsparadies – und Heimat des Verbrechens in ihrer Krimireihe um Isabel Flores, die im kürzlich erschienenen zweiten Band Die Lockvögel wieder auf der Sonneninsel ermittelt. Anna Nicholas schreibt nicht nur über die idyllische Landschaft, sie lebt auch dort. In ihrem Gastbeitrag nimmt sie uns mit auf eine Entdeckungstour zu den schönsten Ecken rund um die Stadt Sóller.
Fotos: © Anna Nicholas
Ich werde oft gefragt, wie ich nur auf eine Krimiserie kam, obwohl ich doch auf einer so idyllischen und sonnenüberfluteten Insel wie Mallorca lebe. Und es stimmt, dass Verbrechen nicht so recht zu dieser überwältigenden Schönheit und dem endlosen Sonnenschein passen wollen – aber selbst im Paradies gibt es Dunkelheit.
Was mich ursprünglich an der goldenen Insel anzog – und am Tal von Sóller insbesondere –, war das spektakuläre Licht, die prächtige Gebirgskette Serra de Tramuntana, das saphirblaue, verführerische Meer sowie die Bewohner und ihre Kultur.
Das Tal von Sóller liegt im Schoß der imposanten und markanten Tramuntana-Berge im Nordwesten von Mallorca und gehört zweifellos zu den unvergesslichsten Ecken der Insel. Sóller ist ein Gewimmel aus alten Olivenhainen, reich tragenden Zitrusgärten, antiken Steinwegen, Tiefseehöhlen, wilden Wäldern und geflüsterten Familiengeheimnissen, Mythen und Legenden. Um es in anderen Worten zu sagen: Es ist die perfekte Kulisse für eine Krimiautorin. Hinter jeder jahrhundertealten Holztür und entlang jedes gewundenen einsamen Wanderwegs lauert eine Geschichte, die darauf wartet, erzählt zu werden – und oft ist es eine schaurige.
Es gibt viele malerische Dörfer und Städte im Nordwesten der Insel, wie Fornalutx, Valldemossa, Biniarraix und Deià. In Deià wohnte der britische Schriftsteller und Dichter Robert Graves für viele Jahre. Sóller selbst besteht aus dem glitzernden, hufeisenförmigen Hafen und dem ikonischen Cap-Gros-Leuchtturm auf dem steilen Felsvorsprung und der lebendigen Stadt selbst.
Auf der geschäftigen Plaça von Sóller sitze ich gern mit einem Kaffee – besonders am Samstag, wenn Markt ist. Dort kaufe ich regionale Spezialitäten, tausche mich mit Freunden und Nachbarn aus und suche Schatten unter den einladenden Sonnenschirmen. Einer meiner Lieblingsorte ist das Café Sóller auf der Plaça de la Constitució. Wenn man dort unter den Palmen sitzt und die Welt an sich vorbeiziehen sieht vor dem Hintergrund der gotisch-inspirierten Kirche St. Bartholomäus, dann lernt man den langsamen Lebensrhythmus auf der Insel zu schätzen. Genau hier würde Isabel sitzen und das Treiben um sich herum beobachten – denn eine Ermittlerin hat natürlich nie Feierabend.
Fotos: © Anna Nicholas
Ein Besuch in den alten Steindörfern im Tal lohnt sich ebenfalls: Das ruhige, friedliche Dorf Biniarraix mit seinen gepflasterten Straβen und den bewährten Wanderwegen, oder das geschäftige Fornalutx, das oft als eines der schönsten Dörfer Spaniens beschrieben wird, und in dem man trotz der vielen Besucherinnen und Besucher spazieren gehen oder zu Mittag essen kann. Nach der Erkundungstour laden Restaurants wie das Ca N’Antuna, Es Turó und Gröenk mit sagenhaften Ausblicken zur Verschnaufpause ein.
Ich verbringe viel Zeit in der Natur, sowohl in Sóller als auch in der Umgebung. Abgelegene Orte zu erkunden und sie dann in meine Romane einzubauen – das liebe ich. Meine Leserinnen und Leser, die sich vielleicht schon ein wenig auf der Insel auskennen, sollen auch von dieses weniger bekannten Orten erfahren. Die Ideen für Kriminalfälle kommen mir oft während des Joggens oder Wanderns. Viele meiner liebsten Laufwege finden sich auch in meinen Romanen wieder.
Am meisten schätze ich am Leben in Sóller, dass sich unter der Schönheit der Stadt – wie bei einer Zwiebel oder einer Matrjoschka-Puppe – immer noch eine weitere Schicht verbirgt: Geschichte, Tradition und ein Hauch Unerklärliches. Es ist ein Ort, an dem Vergangenheit und Gegenwart aufeinandertreffen, an dem abseits eines friedlichen Bergpfads, unter einem ruhigen Dorfplatz oder in einer verlassenen, angeblich spukenden Finca gerade so gut ein düsteres Geheimnis verborgen sein könnte. Und genau dort fühlt sich Isabel Flores natürlich am meisten zu Hause.
Text von Anna Nicholas. Aus dem Englischen von Elena Metzl.
© by Diogenes Verlag AG, Zürich
Die Lockvögel
Isabel Flores wundert sich. Wer bitte stiehlt in Sant Martí den Nachbarn die Haustiere? Als sie gerade die Neugier packt, ruft Tolo Cabot an, ihr Freund und ehemaliger Kollege bei der Polizei. Er bittet sie erneut um Hilfe in einem Entführungsfall, doch keine Hunde und Papageien, sondern die junge Floristin Paloma Crespí ist spurlos verschwunden. Wieder einmal ist Isabels ganzes Können gefragt – und die Unterstützung des halben Dorfes.
Anna Nicholas, geboren 1961 in Rochester, Kent, studierte Englische Literatur und Altphilologie, bevor sie unter anderem für das Guinnessbuch der Rekorde die Public Relations verantwortete. Nach vielen Jahren auf Reisen lebt sie heute als freie Autorin auf Mallorca. Mit der Ermittlerin Isabel Flores hat sie die Herzen der Diogenes-Leserinnen und -Leser im Sturm erobert.










