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»Ein und Alles« von Martin Suter

Ein geheimnisvoller Kriminalfall, eine ungewöhnliche Liebesgeschichte und das größte Rätsel überhaupt – Martin Suters neuer Roman Ein und Alles ist ein eleganter Thriller über eine Liebe, die stärker ist als das Schicksal.

Inspiriert von den Theorien des italienischen Quantenphysikers Federico Faggin erkundet Martin Suter in seinem Roman Ideen des Bewusstseins – und lädt dazu ein, sich den großen Fragen von Liebe, Wahrnehmung und Realität zu stellen. Ein Blick ins Buch.

Foto: © Joël Hunn

Sascha kommt eines Abends nicht nach Hause. Obwohl sich Mila sicher ist, dass ihr Mann nicht weit weg sein kann, fahndet bald schon die Polizei nach ihm, denn bei seiner Firma fehlt Geld. Ist Sascha untergetaucht, wurde er entführt? Mila erhält Zeichen, stößt auf Spuren, die nur von Sascha stammen können. Auch dann noch, als niemand mehr daran glaubt, dass er noch lebt. Unbeirrbar folgt sie den mysteriösen Hinweisen um die halbe Welt bis in den Südpazifik.

Leseprobe

Wir haben kein Bewusstsein.
Das Bewusstsein hat uns.

Erster Teil, S. 11-17

   Endlich seine Schritte.
   Aber Mila sprang nicht auf und stürzte zur Tür. Sie blieb auf dem Sofa sitzen. Wenn er ins Zimmer kam, würde sie kurz von ihrem Buch aufblicken und ganz locker »Salü« sagen, als hätte sie nicht soeben beinahe den Verstand verloren vor Angst.
   Sie war jetzt tatsächlich entspannt. Als wäre ihr Schiff aus schwerer See im Hafen eingelaufen. Es war alles plötzlich so ruhig, dass sie sich überhaupt nicht mehr vorstellen konnte, wie aufgewühlt die Welt eben noch gewesen war.
   Sie hörte das unvermeidliche Knarren der drittobersten Stufe, das Klimpern des Schlüsselbunds und das Kratzen beim Einführen des Schlüssels. Dann Stille.
   Mila hielt den Atem an. Es blieb still. Warum öffnete er die Tür nicht? Jetzt müsste doch das Aufschnappen des Schlosses zu hören sein, das leichte Quietschen der Scharniere, das Zufallen der Wohnungstür. Aber es blieb still. Was machte er bloß so lange?
   Sie wollte langsam bis hundert zählen, aber bei fünfzig hielt sie es nicht mehr aus, stand auf und ging zum Eingang. Schon auf dem Flur rief sie: »Sascha?« 
   Keine Antwort.
   Die Tür war abgeschlossen. Sie öffnete sie. Die Automatik im Treppenhaus schaltete das Licht ein.
   Niemand. Sie rief halblaut (es war nach Mitternacht) seinen Namen das Treppenhaus hinunter.
   Keine Antwort.
   Sie ging zur anderen Treppe, die in den Dachstock führte, und rief seinen Namen.
   Stille.
   Mila war sich ganz sicher, dass sie sich nicht geirrt hatte. Sie hatte seine Schritte gehört und seinen Schlüsselbund und den Hausschlüssel im Schloss.
   Sie stieg in die obere Etage.
   Das Haus war um 1930 gebaut worden und vom Bauhaus inspiriert. Die Fenster waren groß und aneinandergefügt und liefen wie zwei gläserne Bänder über die ganze Fassade. Türen, Fenster, Beschläge waren schlicht. Auch die Simse glatt und ohne Ornamente. Geometrische Grundformen, viel Beton und Stahl. Der einzige Stilbruch, gegen den sich die damaligen Bauherren nicht bei der Baubehörde hatten durchsetzen können, war das Giebeldach. Das geplante Flachdach war nicht bewilligt worden.
   Unter dem Dach hatte man damals zwei kleine Personalwohnungen und ein Bügelzimmer untergebracht. Als Brigitte die Villa erbte und daraus in den Achtzigerjahren – mit viel Respekt vor den Bauhauselementen – ein Zweifamilienhaus machte, wurden daraus Gästezimmer mit je einem Bad.
   Mila öffnete alle Türen und machte Licht. Alles leer und still. Sie löschte die Lichter und machte die Türen wieder zu. Die zum Dachboden war als einzige verschlossen.
   Als sie wieder in ihre Etage hinunterkam, hörte sie ein Geräusch im Erdgeschoss.
   Sie stürmte die Treppe hinunter und sah, dass die Tür der Parterrewohnung ein wenig offen stand und Brigitte den Kopf herausstreckte. Ihr kurzes graues Haar war verstrubbelt, und ihren kleinen Äuglein war anzusehen, dass sie geschlafen hatte. Sie fragte: »Alles in Ordnung?«
   Brigitte Frei war ihre Taufpatin. Mila wusste nicht, wie sie ohne sie das Leben bei ihren Eltern ausgehalten hätte. Sie war eine Cousine ihres Vaters, und Mila hatte den Verdacht, dass er sie als Patin vorgeschlagen hatte, weil er wusste, dass sie ein wohltuender Ausgleich zu Mum sein würde.
   Das war sie dann auch immer gewesen. Eine Freundin und ein Vorbild, was Unabhängigkeit und Selbstbewusstsein betraf.
   Brigitte war lange Jahre Departementssekretärin des Sicherheitsdepartements gewesen und die rechte Hand mehrerer Stadträte. Sie war alleinstehend, vor dreizehn Jahren frühzeitig in Pension gegangen und verbrachte Frühling, Sommer und Herbst damit, den großen Garten des Zweifamilienhauses gepflegt, schön und ertragreich zu halten. Im Winter bereiste sie Asien.
   Als sie Mila mit der Antwort zögern sah, fragte sie: »Ist etwas mit Sascha?«
   »Nein. Ich dachte nur, ich hätte ihn gehört.«
   Brigitte ging auf Mila zu, drückte sie kurz an sich – sie war eine große, noch immer sehr kräftige Frau – und fragte: »Das erste Mal, dass er so spät kommt, ohne anzurufen? Ein erstes Mal gibt es immer. Das hat nichts zu bedeuten. Oder habt ihr endlich einmal gestritten?«
   Mila lächelte. »Da muss ich dich enttäuschen. Sechs Jahre zusammen und noch keinen einzigen Streit. Noch nie.«
   »Höchste Zeit, dass ihr damit anfangt«, antwortete Brigitte trocken.
   Sie wünschten sich eine gute Nacht.
   Als Mila die Treppe hinaufstieg, waren ihre Beine plötzlich schwer wie nach einer Bergwanderung.
   Die Wohnungstür stand halb offen.
   Mila erinnerte sich nicht, ob sie diese so gelassen hatte, und kontrollierte sicherheitshalber die vier Zimmer, die Küche und das Bad. Danach setzte sie sich wieder auf das Sofa.
   So hatte die Nacht noch nie geklungen. Der Wind in den Ästen der Birke, als hätte sie schon Laub. Die Motoren der gelegentlich vorbeifahrenden Autos, als wären sie ferne Echos.
   Die Wohnung war ihr plötzlich fremd. Als wäre sie zu Besuch bei Unbekannten.
   Sie war in dieser Wohnung schon oft allein gewesen, aber sie hatte immer gewusst, wo Sascha war, was er tat und wann er nach Hause kommen würde. Nie hatte sie sich hier einsam gefühlt.
   Er war da gewesen, auch wenn er weg war.
   Nie hatten die eigenen Geräusche hohl geklungen, nie hatte es nach Leere gerochen, nie hatte es sich hier seltsam angefühlt.
   Ein schriller Ton hallte durch den Raum. Mila erschrak.
   Es war ihr Handy, das auf der gläsernen Tischplatte der Sitzgruppe schrillte und vibrierte.
   Lukas Schilling stand auf dem Bildschirm, Saschas Stellvertreter. Die beiden pflegten ein freundschaftliches Verhältnis, ohne Freunde zu sein, aber es kam vor, dass sie sich nach der Arbeit noch zu einem Glas trafen.
   Mila hatte ihn an diesem Abend schon mehrmals angerufen, aber nie erreicht. Voller Hoffnung antwortete sie.
   »Wo brennt’s?«, fragte er zur Begrüßung. »Ich habe vier entgangene Anrufe von dir.«
   »Bist du mit Sascha unterwegs?«
   »Nein, mit Laura«, antwortete er vieldeutig. »Verlängertes Wochenende. Hochzeitstag nachholen. In gewissen Situationen schaltet man eben das Handy aus, ihr doch auch, stimmt’s?«
   Sie schwieg, bis er sagte: »Also?«
   »Sascha ist nicht nach Hause gekommen.«
   »Es ist ja noch nicht einmal elf. Der wird irgendwo hängen geblieben sein.«
   »Dann hätte er angerufen.«
   »Und du willst ihn nicht anrufen?«
   »Habe ich doch. ›Bitte rufen Sie später an, der gewünschte Teilnehmer kann momentan nicht erreicht wer – ‹.« Die letzte Silbe erstickte in einem Schluchzen.
   Die Tragweite der Situation war ihr gerade bewusst geworden. Sascha? Nicht erreichbar? Mein Sascha? Für mich nicht zu erreichen?
   »Bist du noch da?«, fragte Lukas’ Stimme.
   »Ja«, brachte sie heraus. Mehr nicht.
   »Er hat vermutlich das Handy ausgeschaltet und vergessen, es wieder einzuschalten. Sicher kommt er bald.«
   Sie beendeten das Gespräch.
   Es kam vor, dass Sascha das Handy auf »Fokus« stellte, aber nie, ohne sie vorzuwarnen, und immer so, dass er ihre Textnachrichten trotzdem bekam. Wenn er wieder erreichbar war, informierte er sie. Immer.
   Noch nie hatte er vergessen, das Handy wieder einzuschalten. Das wäre ja gewesen, als hätte er sie vergessen. 
   Nein. Es war ihm etwas zugestoßen!
   Diese schreckliche Erkenntnis stand nun so deutlich umrissen vor ihren Augen, dass sie auf einmal alles Bedrohliche verlor. Denn bedrohlich war nur das Mögliche. Etwas, das eintreffen konnte, aber nicht musste. Ihre plötzliche Erkenntnis ließ hingegen keinen Raum dafür, dass es nur möglich und nicht eingetroffen war.
   Es war klar: Sascha war etwas zugestoßen.
   Sie streifte die Schuhe ab, lehnte sich im Sofa zurück, zog die Beine auf die tiefe Sitzfläche und umschlang die Knie. Ihre Lieblingsposition.
   Langsam überkam sie ein wohlbekanntes Gefühl – Entspannung.
   Bedeutete das, dass sie, ohne es zu wollen, sich mit dem Unvermeidlichen abzufinden begann?
   Nein, es war etwas anderes. Sie fand sich nicht ab. Sie hatte das gleiche Gefühl wie immer, wenn er da war. Das Gefühl seiner Anwesenheit.
   Die nahe Kirche schlug elf. Das Wohnzimmer wurde einzig durch die Straßenlaterne beleuchtet. Sie schaltete sich bei Dämmerung ein, dann ließ Mila die Jalousien herunter, denn die Lampe tauchte den Raum in Operationssaallicht.
   Doch an diesem Abend, an dem nichts war wie sonst, hatte sie es auch versäumt, die Jalousien zu betätigen. Sie machte nun einfach die Augen zu, versuchte, sich nicht auszumalen, was alles passiert sein könnte, und ließ ihren Gedanken freien Lauf.

Ein und Alles
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Ein und Alles

Sascha kommt eines Abends nicht nach Hause. Obwohl sich Mila sicher ist, dass ihr Mann nicht weit weg sein kann, fahndet bald schon die Polizei nach ihm, denn bei seiner Firma fehlt Geld. Ist Sascha untergetaucht, wurde er entführt? Mila erhält Zeichen, stößt auf Spuren, die nur von Sascha stammen können. Auch dann noch, als niemand mehr daran glaubt, dass er noch lebt. Unbeirrbar folgt sie den mysteriösen Hinweisen um die halbe Welt bis in den Südpazifik.


Hardcover Leinen
304 Seiten
erschienen am 21. Oktober 2026

978-3-257-07396-6
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Martin Suter wurde 1948 in Zürich geboren. Seine Romane (darunter Wut und Liebe und Melody) und die Business-Class-Geschichten sind auch international große Erfolge. Seit 2011 löst außerdem der Gentleman-Gauner Allmen in einer eigenen Krimiserie seine Fälle, derzeit liegen sieben Bände vor. Martin Suter lebt mit seiner Tochter in Zürich.