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»Kalmann hat eine entlarvende Art und Weise, die mich tröstet.« – Joachim B. Schmidt im Interview

Im dritten Band Kalmann schweigt um den legendären Sheriff von Raufarhöfn laufen alle Fäden der Trilogie fulminant zusammen. Dabei gerät Kalmann wieder einmal zwischen alle Fronten und muss lernen, dass auch Freundschaft ihren Preis hat.

Im Interview spricht Autor Joachim B. Schmidt über reale Hintergründe, über Islands kulinarische Genüsse und darüber, warum der dritte Band über Kalmann der (vorläufig?) letzte ist.

Foto: © Eva Schram

Auch im neuen Kalmann geht es um historische oder gesellschaftliche Hintergründe. Was hat es mit dem Diebstahl in Raufarhöfn auf sich, über den du in Kalmann schweigt schreibst?
Es handelt sich dabei um einen realen ungeklärten Kriminalfall, den ich in meinem Buch jedoch etwas abgeändert und meinem Protagonisten angepasst habe. Aber damals, das war 1950, wurde in die Filiale der Genossenschaft in Raufarhöfn eingebrochen, und der Tresor wurde samt Inhalt entwendet. Nebst einer Menge Geld soll auch ein Schuldenbuch verschwunden sein. Als ich das während meinen Recherchen zum ersten Mal in einer alten Tageszeitung las, musste ich natürlich sofort an Kalmanns Großvater denken.

Ist Kalmann einfach der Richtige, um mit solchen realen, gesellschaftlichen Problemen umzugehen? Ich denke da an den verschmutzten Berg oder der Sturm aufs Kapitol in Kalmann und der schlafende Berg oder an die aktuelle Debatte um Zuchtlachs.
Kalmann hat eine entlarvende Art und Weise, die mich tröstet. Er kann die Dinge wunderbar auf den Punkt bringen. Und wenn er überfordert ist, dann bleibt er einfach stehen und rührt sich nicht von der Stelle. Das wünsche ich mir manchmal; dass wir als Gesellschaft auch mal innehalten. Die Zuchtlachsindustrie ist sehr umstritten hier in Island, auch darum, weil es kaum Einschränkungen gibt. Die Projekte werden bewilligt ohne Rücksicht auf die Natur oder die einheimische Bevölkerung. Die schönsten Fjorde sind innerhalb weniger Jahre mit Dutzenden von Netzgehegen verschandelt worden. Die katastrophalen Folgen dieser Lachszuchten sind momentan nur zu erahnen. Auch darum musste ich Kalmann noch einmal als Sheriff engagieren.

… und sein bester Freund Nói taucht endlich einmal auf! Dabei kannten wir ihn bisher immer nur virtuell und zeitweise schien er ganz verschwunden. Wie kam es dazu? 
Einmal wurde ich gefragt, ob sich Kalmann seinen Freund bloß einbildet. Das hat mich verblüfft, denn in meiner Vorstellung ist Nói ein echter Freund, ein Außenseiter zwar wie Kalmann, der gesundheitlich eingeschränkt und an sein Zuhause gebunden ist, aber ein lebendiger junger Mann voller Sehnsüchte und Träume. Darum war es an der Zeit für eine Begegnung. Nói kann einen Freund wie Kalmann, der ihn erdet und tröstet, wirklich gut gebrauchen.

Wie wählst du deine Themen aus, um sie in den Roman einfließen zu lassen?
Es sind meistens Themen, die mich anspringen, die mich faszinieren oder mich ärgern. Meistens macht es einfach klick, wie etwa beim Zeitungsartikel über den Diebstahl. Und dann muss ich schreiben.

War das auch so mit den kulinarischen Genüssen Islands? Gammelhai, Brennivín, Hangikjöt – willst du uns mehr über diese Spezialitäten erzählen?
Nein! Ich will, dass ihr jetzt endlich mal selbst nach Island kommt, um euch diese Delikatessen zu Gemüte zu führen. Natürlich duftet Kalmann immer ein wenig nach Gammelhai, aber da kommt das geschriebene Wort schnell an seine Grenzen. Diesen Duft der isländischen Kulinarik und der von Entbehrung geprägten Jahrhunderte muss man einfach mal in der Nase gehabt haben.

Image by Susanne Stöckli from Pixabay

Zum Ende des Buches lässt du Kalmann ins Abendrot spazieren – müssen wir wirklich befürchten, ihn nicht wiederzusehen?
Ich habe Kalmann versprochen, ihn jetzt in Ruhe zu lassen. Denn jedes Mal, wenn ich über ihn schreibe, gerät er in Lebensgefahr! Im ersten Band steht er einem Eisbären gegenüber, im zweiten Band klettert er auf einen Berg, der in die Luft fliegt, und nun, in Kalmann schweigt gerät er erneut zwischen die Fronten – weil er einen Schatz findet! Ich empfehle allen, die Kalmann noch nicht kennen, beim ersten Band anzufangen. Denn in diesem dritten Band laufen alle Fäden zusammen. Kalmann darf sich zum Beispiel mit seinem Vater versöhnen und, und, und.

Aber es gibt ja immer wieder brisante Themen, bei denen man sich einen Kalmann wünscht. Wäre ein Wiedersehen mit unserem Helden nicht wunderbar?
Das wäre es bestimmt. Aber ich habe noch ein paar weitere Romane in mir, die ich unbedingt schreiben möchte. Mit Kalmann schweigt hat unser Sheriff seine Pflicht erfüllt und ein Leben mit Alltag und Routinen verdient. Ich will nicht ausschließen, dass ich ihn in ein paar Jahren oder Jahrzehnten wieder besuchen werde. Bestimmt wird es mich wundernehmen, wie es ihm so ergangen ist. Doch erst einmal lassen wir mit Kalmann schweigt noch einmal so richtig die Korken knallen!

Kalmann schweigt
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Kalmann schweigt

Kalmann ist ein liebenswerter Sonderling im Dorf Raufarhöfn hoch im rauen Norden Islands. Seit ihm sein Vater einmal einen Cowboyhut mit einem Sheriffstern geschenkt hat, ist er außerdem der selbst ernannte Sheriff des Örtchens. Und als solcher hat er wieder einmal gut zu tun: Während man im Ort über die geplante Lachszucht der Norweger heiß debattiert, entdeckt er eine alte Blechkiste, in der sich ein ganzer Haufen Geld befindet. Das weckt Begehrlichkeiten, und schon ist Kalmann mittendrin in einem undurchsichtigen Spiel.


Hardcover Leinen
320 Seiten
erschienen am 23. September 2026

978-3-257-07395-9
€ (D) 25.00 / sFr 34.00* / € (A) 25.70
* unverb. Preisempfehlung
Auch erhältlich als

 

Joachim B. Schmidt, geboren 1981, aufgewachsen im Schweizer Kanton Graubünden, ist 2007 nach Island ausgewandert. Seine Romane, darunter Kalmann und Tell, sind Bestseller und wurden vielfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem Crime Cologne Award und zuletzt mit dem Glauser-Preis. Der Doppelbürger lebt mit seiner Frau und zwei gemeinsamen Kindern in Reykjavík.