Wen zieht es nicht nach Japan? Amélie Nothomb. Zumindest zu Beginn ihres neuesten autobiografischen Romans Die unmögliche Rückkehr, denn es bedarf einiger Überwindung, bis sie sich schließlich zu einer Japanreise mit ihrer Freundin Pep überreden lässt. Schneller, als ihr lieb ist, sind die Flüge gebucht und die Auseinandersetzung mit ihrer Vergangenheit wird unvermeidlich.
Für Pep ist bereits im Vorhinein klar: Amélie als gebürtige Japanerin soll die Rolle ihrer persönlichen Reiseführerin übernehmen. In diesem Blogbeitrag folgen wir den beiden während des ersten Teils ihrer Reise – bevor wir Sie zur weiteren Lektüre einladen.
Foto: Éric Garault / © Diogenes Verlag
Kyoto: Den Tempeln nach
»Ich werde von Gefühlen ohne festen Wohnsitz bestürmt.«
Nach einer spannungsgeladenen Landung in Osaka geht es direkt mit dem Hello-Kitty-Haruka-Express weiter nach Kyoto. Noch an ihrem ersten Abend stoßen sie auf den Kaninchentempel (Okazaki-jinja), und besser hätten sie es gar nicht treffen können, denn Pep ist große Kaninchenfreundin. Die darauffolgenden Tage besuchen sie einen Tempel nach dem anderen: Ryōan-ji sticht dabei heraus, denn es handelt sich um einen vergleichsweise kargen Zen-Tempel – der »ideale Resonanzraum«, wie Amélie findet.
Diese Schauplätze ihrer Kindheit lösen in Amélie tiefgehende Gefühle aus, welche sie jedoch nicht sofort verorten kann.
Nara: Vorauseilende Nostalgie
»Mir wird klar, dass [Reis mit Ei] mein absolutes Lieblingsessen ist.«
Foto von Nishiyama Aoi auf Unsplash
Für einen Tagestrip geht es weiter nach Nara, wo sie den Tōdai-ji-Tempel besuchen, der bekannt für seine freilaufenden Sikahirsche ist. Am höchstgelegenen Punkt und bei bester Aussicht trinken sie Tee. Amélies Highlight ist jedoch das anschließende Essen, welches ihr ein Koch trotz verpasster Mittagszeit anbietet: eine Schüssel Reis mit Ei. In den Genuss dieses Gerichts kam sie das letzte Mal im Alter von fünf Jahren. Das kulinarische Vergnügen weckt in ihr die Nostalgie.
Tokio: Milbenfreie Freundin
»Erst in Tokio habe ich den Kopf verloren – und das hält bis heute an.«
Die beiden Freundinnen beschließen, mit dem Hochgeschwindigkeitszug Shinkansen in Japans Hauptstadt zu fahren. Darauf folgen gleich mehrere Missgeschicke – unter anderem Peps allergische Reaktion auf die Milben im Hotelzimmer in Ginza. Aus dem Fluch wird ein Segen, denn sie findet kurzfristig Unterschlupf bei ihrer liebenswürdigen Bekannten Alice im Bezirk Nerima. Alice organisiert die weiteren Urlaubstage in Tokio und löst Amélie somit in ihrer Rolle als Reiseführerin ab, was diese sehr schätzt.
Zu dritt besichtigen sie das Stadtviertel Harajuku, die Tempelanlage Meiji-jingū und Tokios »Champs-Élysées«: Omotesandō.
Wie es mit den Dreien in Tokio weitergeht, erfahren Sie in der folgenden Leseprobe.
Leseprobe
S. 72-79
Am Eingang eines kleinen benachbarten Museums mit einer Ausstellung über Katzen in der japanischen Kunst weist ein Schild darauf hin, dass es verboten ist, während des Besuchs zu sprechen.
»Warum?«, fragt Pep.
»Die Regel gilt quasi in allen Tokioter Museen«, sagt Alice. »Man hält Stille für eine notwendige Voraussetzung der Betrachtung.«
»So lassen sich auch die Gemeinplätze und Dummheiten vermeiden, die man sich sonst in Pinakotheken anhören muss«, ergänze ich.
Die Katze hat für die japanische Kunst die gleiche Bedeutung wie der Vogel für die Kunst der Maya oder der Stier für die Kretas. Die hier versammelten Werke sind entzückend und drollig. Pep kommt in regelmäßigen Abständen zu mir, um mir so beseelte wie überflüssige Kommentare ins Ohr zu flüstern.
Nach einer halben Stunde kommt ein Wärter mit dem Redeverbotsschild in der Hand, um Pep zu ermahnen. Seine verärgerte Miene sagt den Rest.
»Was ist? Ich flüstere doch nur«, erwidert Pep schroff und ziemlich laut.
Der Beamte verdreht die Augen. Anscheinend ist er kurz vor dem Schlaganfall. Alice macht eine besänftigende Geste und legt den Finger auf die Lippen, um Pep zu bedeuten, wie wichtig es ist, das Schild zu beachten. Für den Rest unseres Besuchs herrscht Gewitterstimmung. Ich kenne Pep und ahne den Sturm unter ihrer Schädeldecke. Wie erwartet, explodiert sie, kaum dass wir das Museum verlassen:
»Ich hasse diese bescheuerte Regel! Warum hast du mich nicht verteidigt? Warum hast du dem Kerl nicht gesagt, dass ich nicht geredet habe, sondern geflüstert?«
»Weil das nichts gebracht hätte. Japaner nehmen es immer ganz genau. Flüstern ist für sie Sprechen und die Regel ist nun mal die Regel.«
»Wenn Amélie sich eingemischt hätte, wäre alles nur noch schlimmer geworden«, bestätigt Alice.
»Aber Flüstern stört doch keinen«, beharrt Pep. »Man muss seine Gefühle doch in dem Moment teilen, in dem man sie hat.«
»Da bin ich deiner Meinung«, sagt Alice. »Aber die Japaner wollen eben, dass man damit wartet, bis man den Raum verlassen hat.«
»Das macht doch keinen Spaß!«
Pep hat die Japaner so idealisiert, dass es ihr schwerfällt, auch die negativen Aspekte zu akzeptieren. Fast alle Ausländer, die ins Land der aufgehenden Sonne kommen, durchlaufen diese Phase. Und ich kenne viele, die die Kurve nicht kriegen und plötzlich von einem Extrem ins andere fallen:
Nachdem sie es erst vergöttert haben, beginnen sie, es aus einem nichtigen Grund zu hassen. Doch Pep, das weiß ich, wird diese Gefahr bestimmt umschiffen.
Alice liefert ein fabelhaftes Gegenargument, indem sie von der Ankunft ihrer Familie mitten in der Covidzeit erzählt: Die Einwanderungsbehörde steckte die drei Immigranten nicht nur in eine extrem strenge Quarantäne, sondern wollte den damals vierzehnjährigen Sohn auch noch von seinen Eltern trennen. Nur durch den Aufstand, den ihr Mann mit letzter Kraft anzettelte, wurde diese Tragödie vermieden.
»Und nach diesem Empfang hast du es trotzdem geschafft, dieses Land zu lieben?«, fragt Pep.
»Natürlich! Wie sollte man sich denn in diese Schönheit nicht verlieben? Und abgesehen von den lächerlich strengen Entscheidungsträgern sind die Menschen hier so zauberhaft. Ich wollte, ich könnte dir meine japanischen Freunde vorstellen. Sie sind so sanft, so liebenswürdig, so vornehm.«
»Das klingt, als hättest du dich gerade selbst beschrieben«, bemerke ich.
Alice errötet.
»Es wundert mich nicht, dass du dich hier heimisch fühlst«, ergänze ich. »Du besitzt alle Eigenschaften dieses Volkes.«
»Das sagen meine japanischen Freunde auch«, gesteht sie. »Als ich zu Weihnachten in Frankreich war, hatte ich große Probleme mit meinen Landsleuten.«
»Und mich kannst du ertragen?«, erkundigt sich Pep.
»Dich schon«, antwortet Alice lachend.
»Und was ist mit den Belgiern?«, frage ich.
»Belgier sind grenzwertig«, mischt Pep sich ein.
Alice hat uns für den Abend eine nach Arsène Lupin benannte Bar empfohlen und versichert, dass sie trotz des Namens nichts Französisches an sich habe. Wir verabschieden uns, und ich verspreche, Pep anschließend nach Nerima zurückzubringen.
Ein mit Zylinder, Monokel und Zigarettenspitze bewehrter Kopf auf einem Schild weist auf den Eingang hin, der in einen engen, stickigen, verstaubten Raum führt. Die Populationsdichte der Milben hier will ich mir lieber nicht ausmalen und rechne jederzeit mit einem Asthmaanfall Peps. Ihr scheint das gar keine Sorgen zu machen, denn sie ruft begeistert aus:
»Zu schön, ich liebe es!«
Ein Zeremonienmeister im Kostüm eines Barkeepers der Fünfzigerjahre platziert uns am Tresen und erkundigt sich nach unseren Wünschen. Pep will alles über die Cocktails wissen. Ausführlich beschreibt er jeden einzelnen und versucht, ihren Geschmack zu ergründen. Er behandelt meine Freundin mit einem Respekt, als wäre sie Al Capone persönlich. Nach langen gemeinsamen Überlegungen von beachtlichem Tiefgang einigen sie sich auf ein Getränk mit einem kreativen Namen, das ich der Einfachheit halber »Die Kreuzung von Shinjuku« nennen möchte.
Dann wendet er sich mir zu. Ich möchte einen japanischen Whisky pur. Er rattert eine endlose Liste herunter, bis ich ihn mit den Worten unterbreche:
»Geben Sie mir den, den Sie am besten finden.«
Meine Antwort enttäuscht ihn, aber er hakt nicht nach. Offensichtlich betrachtet er mich als eine Art Lakai jener bedeutenden Persönlichkeit, die bei der Auswahl ihres Getränks eine solche Umsicht walten lässt.
Wir sehen ihm beim Mixen der »Kreuzung von Shinjuku« zu – ein faszinierendes Schauspiel. Er misst geheimnisvolle, ausgesuchte Zutaten ab, der Shaker ist für ihn so heilig wie das Weihwasserbecken für die Betschwester. Nachdem er das Wunderwerk endlich in das passende Cocktailglas geschüttet hat, wischt er mit einer weißen Serviette, die während der ganzen Zeit gebügelt und gefaltet auf seinem Unterarm lag, den Rand des Shakers ab und wirft sie in den Schmutzwäschekorb. Von Hochachtung durchdrungen, bringt er Pep den Zaubertrank, dann gießt er mir herablassend einen Whisky ein.
»Auf Tokio!«, prosten wir einander zu.
Pep nippt an der »Kreuzung von Shinjuku« und wirft den Kopf nach hinten:
»Zu gut!«
Sie lädt mich ein, davon zu kosten. Obwohl keine Cocktailtrinkerin, muss ich zugeben, dass er perfekt ist:
»Endlich ein Cocktail, der nicht nach sauren Drops schmeckt!«
»Du hättest es wie ich machen sollen.«
»Ich mag meinen Whisky.«
Seinen Namen habe ich vergessen, aber nicht seine köstliche, leicht torfige Schärfe.
»In welche Bar bist du immer gegangen, als du in Tokio gelebt hast?«
»In keine.«
»Du bist mit zwanzig in keine einzige Bar gegangen?«
Ich gebe zu bedenken, dass um uns herum niemand unter vierzig ist.
»Als ich mit zwanzig in Madrid war, war ich jeden Tag in einer Bar!«, behauptet Pep.
»Madrid ist ganz anders. Hier hört man Duke Ellington und trägt Anzug – ganz abgesehen von den Preisen. Welcher junge Mensch verirrt sich denn in so ein Lokal?«
»Und was hast du abends mit deinem japanischen Verlobten getrieben?«
»Wir waren im Shirogane Koen spazieren und haben im Stehen auf der Straße Okonomiyaki gegessen. Dann ist er mit mir zum Hafen gegangen, um Krane zu beobachten.«
»Kraniche?«
»Nein, die Hafenkräne der Firma Komatsu. Die sind nachts wunderschön.«
Lachend trinkt meine Freundin aus. In Paris würde sie in diesem Fall »noch eine kleine Schwester« bestellen. Hier konsultiert sie noch einmal den Barman und entscheidet sich danach für einen anderen Cocktail. Ich nehme noch einen Schluck vom selben Whisky.
Wir sprechen über Alice, Pep ist sehr glücklich bei ihr.
»Es ist schön, an ihrem Leben teilzunehmen. Sie sind so ruhig und ausgeglichen. Ich bewundere diese Harmonie. So etwas habe ich nie erlebt.«
»Ja, Alice hat viel von einer Japanerin.«
»Das ist so großartig. Ich liebe dieses Volk. Ich wäre gern wie sie.«
Ich lächle. Die Wahrscheinlichkeit, dass Pep sich die japanische Gelassenheit zu eigen macht, erscheint mir ziemlich gering. Bei mir ist es nicht anders. Das weiß ich – ich habs versucht.
»Ich bin mir jedenfalls sicher, dass du mit zwanzig eine Schlaftablette warst«, sagt Pep. »Dein japanischer Verlobter muss sich mit dir zu Tode gelangweilt haben.«
»Er hat sich nicht beklagt.«
»Das nenne ich gute Erziehung!«
Wir trinken aus und gehen in ein einfaches Lokal auf eine Soba. Leicht beschwipst erlebt man das Essen als reines Vergnügen, ohne je böse überrascht zu werden.
Ich begleite meine Freundin mit der Metro in ihre entlegene Vorstadt und kehre ins Hotel zurück. Ausgenüchtert lese ich in meinem Huysmans die Stelle wieder, wo Des Esseintes seiner Schildkröte Edelsteine in den Panzer implantiert. Beim Wiederlesen erfährt man unter anderem auch viel über die Entwicklung der eigenen Sensibilität. Ich bin heute viel empfindsamer als mit achtzehn. Beim Tod der Schildkröte leide ich schrecklich, fast hätte ich eine Träne zerdrückt.
Foto von Tom Vinoya auf Unsplash
Die unmögliche Rückkehr
An Orte der Vergangenheit zurückkehren, an das anschließen, was einmal war – für Amélie Nothomb ist das unmöglich. Seit 12 Jahren war sie nicht mehr in Japan, dem Land ihrer Kindheit, das sie so liebt und zu dem sie eine so zwiespältige Beziehung hat. Doch als eine Freundin eine Reise gewinnt und Amélie kurzerhand als Fremdenführerin verpflichtet, kann sie nicht anders als sich mitreißen lassen. Sie entdeckt das Land aufs Neue und damit auch ihre Faszination. Denn die Rückkehr ist unmöglich, zum Glück.










